Er umarmte Lianhua noch fester und flüsterte: „Hua Chen, führe sofort alle vom Anwesen Murong durch den Geheimgang zum Suming-Berg zurück. Alle außer mir müssen gehen!“
Hua Chen erschrak.
Innerhalb des Anwesens Murong führt ein geheimer Gang zum Berg Suming, der allseitig von Klippen umgeben ist. Der Berg Suming dient der Familie Murong seit Generationen als Zufluchtsort.
Nur Murong Yin und Hua Chen kannten diesen Geheimgang.
Hua Chens Gesicht war bleich. „Dreizehnter Bruder, was wirst du tun, wenn wir gehen?“
Murong Yin holte tief Luft, sein sanftes und feines Gesicht nun so fest wie ein Fels. „Ich werde hingehen und den Jade der Neun Prinzen holen.“
Er konnte es nicht ertragen, Lotus sterben zu sehen.
Er wusste, dass, sobald der Neun-Könige-Jade ausgeschaltet war, der gefährliche Mann in Weiß die Formation mit Sicherheit durchbrechen und kommen würde.
Deshalb wollte er, dass sich alle Bewohner von Murong Manor auf den Berg Suming zurückzogen. Er wollte, dass die Menschen von Murong Manor überlebten, damit er allein gegen den äußeren Feind kämpfen konnte.
Das käme einem Selbstmord gleich!
Hua Chen spürte, wie ihm das Blut in die Brust schoss. „Dreizehnter Bruder, ich bleibe bei dir.“
„Wenn du zurückbleibst, wer sonst weiß dann, wie man zum Geheimgang kommt?!“ Murong Yins Augen blitzten scharf auf. Er sah Hua Chen nicht einmal an und sagte Wort für Wort:
„Jetzt ist nicht die Zeit für impulsives Handeln. Ich habe dir das Leben von Großmutter, Vater, Mutter und allen anderen in Murong Manor anvertraut. Du solltest wissen, was wichtiger ist!“
Hua Chen war sprachlos und konnte nicht antworten.
Draußen vor dem Fenster.
Das fahle Licht der Morgendämmerung schien bereits durch das Fenster, der Hahn krähte, und der Tag war angebrochen.
Murong Yin hielt die blutgetränkte Lotusblume in seinen Armen und wandte sich dann dem achtzehnjährigen, purpurrot gekleideten Hua Chen zu. Der sanfte Ausdruck auf seinem schönen Gesicht verriet sein tiefes Verständnis von Leben und Tod.
Plötzlich lächelte er schwach, so ruhig wie immer: „Hua Chen, von heute an liegt Murong Manor in deinen Händen. Du musst gut auf alle aufpassen und besonders gut auf... Lotus aufpassen.“
Hua Chen blickte Murong Yin an.
Er brachte kein Wort heraus; seine Brust fühlte sich so eng an, dass er kaum atmen konnte. Seine blassen Lippen zitterten lautlos, und zwei Tränenströme traten ihm in die Augen.
Als Lotus aufwachte, war es bereits dunkel.
Vollmond, der Himmel mit Frost bedeckt.
Die Umgebung war vollkommen still; tatsächlich herrschte im gesamten Murong Manor absolute Stille, abgesehen von dem einen oder anderen Vogel, der durch das offene Fenster flog und einen flüchtigen weißen Schatten hinterließ.
Einen kurzen Augenblick lang glaubte sie, sie sei tot.
Doch ihre Brust fühlte sich warm an, eine wohltuende Wärme, die ihr Herz beruhigte. Sie streckte die Hand aus und spürte, wie weich und warm sie sich anfühlte.
Sie hielt das warme, glatte Stück in der Hand, ihre Finger zitterten.
Sie hielt einen Jadeanhänger in der Hand.
Der geschwungene Jadeanhänger, einer Mondsichel gleich, erhellte ihre blassen Hände mit seinem warmen, durchscheinenden Licht. Über dem Anhänger wirbelten Wolken, purpurner Nebel stieg auf, und neun göttliche Drachen wanden sich um ihn.
Neun Könige Jadeit, Neun Drachen Göttliche Seele, ihre Geister schweben durch die Himmel, ihre Auren wie eine geheimnisvolle Klinge, die die Erde spaltet!
Einer Legende zufolge ist darin die göttliche Fähigkeit „Drache durchquert die neun Himmel“ verborgen!
Moment.
Sie verstand alles.
Sie hat überlebt.
Murong Yin holte schließlich den Neun-Königs-Jade aus der Neun-Paläste-Acht-Trigramme-Formation, um ihr Herz zu schützen, ihre Meridiane zu verbinden und ihr Leben zu verlängern!
Lotus drehte langsam den Kopf.
Diese sanfte, jadeähnliche Gestalt, die scheinbar das reinste Licht der Welt ausstrahlte, stand schweigend neben ihrem Bett, sah ihr beim Öffnen der Augen zu, sah ihr beim Erholen zu, sah ihr... beim Wiedererwachen zu...
Seine Brauen waren nach wie vor sanft, und seine Augen waren nach wie vor klar und strahlend.
In leuchtend gelbe Gewänder gehüllt und makellos, blieb er selbst angesichts des bevorstehenden Todes ruhig und gelassen und zeigte damit die Würde und Haltung eines Königs.
Er blickte sie an, ein erleichtertes Lächeln auf den Lippen.
Lotus starrte ihn ausdruckslos an, ihre Augen weit geöffnet, ihre Pupillen so klar wie Kristall.
Murong Yin reichte ihr ein Stück Pergament.
„Nachdem ich diese Tür verlassen habe, folgen Sie den Anweisungen auf diesem Bildschirm und entkommen Sie durch den Geheimgang. Ich habe dafür gesorgt, dass Hua Chen Sie am Ende des Ganges trifft.“
Das weiche Pergament wurde neben ihr Kissen gelegt.
Auf dem Pergament befand sich eine Karte, die er selbst sorgfältig gezeichnet hatte, ein Weg zum Überleben für Lotus, das Waisenmädchen, das Tag und Nacht bei ihm gewesen war, aber niemanden hatte, auf den sie sich verlassen konnte.
Im Zimmer flackerte Kerzenlicht.
"Ich... es tut mir so leid..." Im sanften, roten Kerzenlicht lächelte Murong Yin leicht, sein Lächeln so hell wie Mondlicht. "Ich dachte, ich könnte... deine Hand halten und mit dir alt werden..."
Murong Yin blickte sie aufmerksam an; vielleicht war dies das letzte Mal, dass er sie sehen würde.
Endlich.
Er drehte sich um und ging langsam zur Tür.
Lotus lag auf dem Bett, hielt den Jade der Neun Könige in der Hand und starrte ausdruckslos auf seinen Rücken.