Kapitel 86

Um Mitternacht war die Wüste noch kälter und frostiger.

Ein kalter Wind heulte.

Einige Lagerfeuer brannten noch, andere waren erloschen. Patrouillierende Krieger waren zwischen den Zelten verstreut, und die Hirten der Nachtwache kauerten zusammen und dösten vor den helleren Lagerfeuern.

Abgesehen vom heulenden, kalten Wind herrschte absolute Stille auf der Welt.

Murong Yin blickte sich um, ein Anflug von Panik in seinen Augen. Yuan Qing wusste nicht, wonach Murong Yin suchte, folgte aber einfach seinen Anweisungen und schob den Rollstuhl vorwärts.

Murong Yin hielt einen Diener an, der Brennholz trug: „Bruder.“

Der Diener war sehr groß und trug ein großes Bündel Brennholz auf dem Rücken. Er stand ausdruckslos da und blickte Murong Yin an, sein Gesicht war mit Staub bedeckt. „Brauchst du Brennholz?“

„Habt ihr schon mal einen kleinen Diener wie euch gesehen, der Brennholz trägt?“, fragte Murong Yin mit einem Anflug von Dringlichkeit in der Stimme und musterte den Mann aufmerksam.

„Ihre Kleidung war sehr zerfetzt, und sie könnte... sie könnte noch eine Flasche Erfrierungssalbe in der Hand halten...“

Murong Yin redete fast zusammenhanglos.

Der Diener, der das Brennholz trug, warf Murong Yin einen Blick zu und schien etwas zu verstehen. „Viele der Diener, die hier Brennholz tragen, sind klein. Sie sind jeden Tag dem Rauch ausgesetzt, deshalb sehen sie alle ziemlich gleich aus. Wenn Sie jemanden suchen, junger Herr, könnte es schwierig werden.“

Er sprach so aufrichtig!

Enttäuschung spiegelte sich in Murong Yins Gesichtsausdruck wider. Langsam ließ er die Hand des Dieners, der das Brennholz trug, los, lehnte sich kraftlos gegen seinen Rollstuhl zurück und blickte ausdruckslos und verwirrt.

Der Diener warf Murong Yin und seinem Diener einen seltsamen Blick zu, bevor er sich umdrehte und wegging.

In der Wüste heult der kalte Wind wie ein knochenschabendes Messer.

Der Himmel begann sich gerade aufzuhellen.

Yuan Qing legte Murong Yin den Umhang, den er hielt, um die Schultern. Im kalten Wind flatterten die beiden Jadebänder, die an Murong Yins hochgekröntem Hut hingen. Wortlos blickte er schweigend in die unendliche Weite der Wüste.

Ein kalter Wind fegte über die öde Wüste, und in der Ferne war keine Spur menschlicher Besiedlung zu sehen.

Yuan Qing konnte nicht anders und fragte: „Junger Meister, haben Sie jemanden gesehen, den Sie kennen?“

Murong Yin schwieg. „Vielleicht täusche ich mich. Vielleicht war sie es gar nicht. Wie konnte sie nur in einen so jämmerlichen und elenden Zustand geraten? Ich muss mich irren.“

Sie ist Mitglied des Tianshan-Schneeclans von Ye Chuhan!

Wie konnte er nur zu einem einsamen und hilflosen Holzträger in der Wüste werden!

Das Lagerfeuer erlosch allmählich.

Murong Yin streckte die Hand aus und zog seinen Umhang enger um sich, um sich vor der Wüstenkälte zu schützen, und sagte mit leiser Stimme: „Yuan Qing, lass uns zurückgehen!“

Yuan Qing nahm den Befehl entgegen und drehte seinen Rollstuhl um.

"Junger Meister Murong!"

In der Ferne waren die Rufe eines goldgepanzerten Kriegers zu hören, der auf sie zurannte und rief: „Junger Meister Murong, der Drachentöterstein wird gleich geöffnet! Die Prinzessin verlangt Eure Anwesenheit!“

Murong Yins Blick wurde schärfer.

Bevor er etwas sagen konnte, fühlte er, wie etwas in ihm plötzlich zerbrach. Er konnte sogar das knackende Geräusch hören, mit dem diese Emotion zerbrach. Ein herzzerreißender Schmerz durchfuhr sein Herz, und Trauer durchdrang augenblicklich seinen ganzen Körper.

Er war bereits in Tränen aufgelöst.

Das quälende Warten, jeder einzelne Augenblick, hat endlich ein Ende gefunden –

Der Drachentöterstein wurde ausgegraben!

Endlich konnte er Hua Chen und Xiao Ci sehen, die mehr als zwanzig Tage in dem Geheimgang gefangen gewesen waren und keine Hoffnung auf Überleben hatten...

Band 4

Der Himmel begann sich gerade aufzuhellen.

Die Luft war noch immer eiskalt. Da sie befürchteten, der Geheimgang könnte durch Sprengstoff zum Einsturz gebracht werden, konnten sie ihn nur von Hand freigraben. In diesem Moment war der tausend Pfund schwere Drachentöterstein fast freigelegt.

Murong Yin saß im Rollstuhl, sein Gesicht war bleich, seine zitternden Hände umklammerten fest die Griffe.

Mehr als zwanzig Tage!

Im Grunde seines Herzens war er bereit, alles Leid zu ertragen!

"Gib noch mehr Gas!"

Die raue Stimme des führenden, goldgepanzerten Kriegers ertönte, und Hunderte von Menschen arbeiteten zusammen, um den zerbrochenen Drachenstein zu bewegen, der an allen vier Seiten aufgehauen war. Unter Rufen und Schreien schoben sie den Stein langsam beiseite…

Die ersten Strahlen der Morgendämmerung durchdrangen sogleich den stockfinsteren Gang und erhellten langsam alles darin, bis der gesamte Drachentöterstein bewegt wurde –

Yuan Qing hatte Murong Yin bereits schnell vorwärts geschoben und war direkt auf den Eingang des Geheimgangs zugegangen.

Das Erste, was Murong Yin mit tränengefüllten Augen sah, war das Mädchen, das an den Geheimgangmechanismus gefesselt war. Das Mädchen trug noch immer ihr seegrünes Kleid, ihre Hände waren mit Eisenringen an den Mechanismus gebunden, und sie lag regungslos mit dem Gesicht nach unten da.

Doch abgesehen von Murong Ci war der scharlachrot gekleidete Jüngling Hua Chen in diesem Geheimgang nirgends zu finden.

Hua Chens Leiche ist nirgends zu finden!

⚙️
Lesestil

Schriftgröße

18

Seitenbreite

800
1000
1280

Lesethema