Ich wollte dich nicht erschrecken

Ich wollte dich nicht erschrecken

Autor:Anonym

Kategorien:Mysteriös und übernatürlich

  1    Schönheit und Distanziertheit können in einer Person so perfekt vereint sein. Als Chen Yan in ihre Klasse kam, wanderten die Blicke aller Jungen ungehindert über ihren ganzen Körper. Lin Han machte da keine Ausnahme, doch er glaubte, sein Blick sei nicht so lüstern wie der der ande

Ich wollte dich nicht erschrecken - Kapitel 1

Kapitel 1

1

Schönheit und Distanziertheit können in einer Person so perfekt vereint sein.

Als Chen Yan in ihre Klasse kam, wanderten die Blicke aller Jungen ungehindert über ihren ganzen Körper. Lin Han machte da keine Ausnahme, doch er glaubte, sein Blick sei nicht so lüstern wie der der anderen. Alle anderen konzentrierten sich auf ihre straffen Brüste unter dem weißen T-Shirt und ihre langen, wohlgeformten Beine unter dem passenden weißen Minirock. Doch was ihm als Erstes auffiel, waren ihre Augen, die von Melancholie erfüllt waren, wie das schimmernde Mondlicht auf dem Grund eines klaren Sees.

Es war ein Spätsommernachmittag; der Himmel war klar blau, ohne eine einzige Wolke. Lin Hans zuvor so heitere Art wich plötzlich einer tiefen Melancholie in Chen Yans Augen.

Die Zeit vergeht wie im Flug, und der Spätsommer ist in den Spätherbst übergegangen. Verwelkte, gelbe Blätter hängen noch an den Zweigen und werfen nur widerwillig ihre Blätter ab, ihr letzter Tanz im kühlen Herbstwind. Fast zwei Monate sind vergangen, seit Chen Yan die Schule gewechselt hat, doch sie trägt immer noch Weiß und hält sich fern von den sehnsüchtigen Blicken der Jungen und den neidischen Blicken der Mädchen. Sie hat keine Freunde und spricht nie ein Wort mit jemandem. Egal in welcher Klasse, sie sitzt immer allein in der letzten Reihe, ihr Gesicht nach wie vor distanziert, ihre Augen voller Melancholie.

Chen Yan wohnte nicht im Schulwohnheim, sondern hatte ein Zimmer in einem Privathaus unweit der Schule gemietet. Lin Hans wachsende Sehnsucht ließ sich nicht länger nur dadurch stillen, dass er sie jeden Tag aus der Ferne beobachtete und während des Unterrichts immer wieder verstohlen nach hinten blickte. Schließlich beschloss er, ihr nach der Schule heimlich zu folgen, in der Hoffnung, eine passende Gelegenheit zu finden, ihr seine Gefühle zu gestehen.

Doch eine Chance nach der anderen entglitt Lin Han, und er konnte sie nie ergreifen. Hilflos musste er zusehen, wie Chen Yan die Tür aufstieß und ihre fast durchscheinend weiße Haut in den Schatten dahinter verschwand. Jedes dumpfe Zuschlagen der Tür verstärkte seine Enttäuschung und verursachte einen dumpfen Schmerz in seiner Brust.

Eines Abends, nach dem Abendessen, als er den immer beleidigenderen Gerüchten seiner Mitbewohner über Chen Yan lauschte, verließ Lin Han wütend das Wohnheim und ging in den Hörsaal. Die Pärchen, die sich im Schatten der Bäume auf dem Campus eng umschlungen hatten, hatten ihn gerade erst in seinen Gedanken geweckt und es ihm unmöglich gemacht, sich auf sein Lehrbuch zu konzentrieren. In seiner Vorstellung verwandelten sich diese Pärchen in ihn und Chen Yan. Er ließ ihr langes Haar sanft durch seine Finger gleiten; ihre langen, feuchten Wimpern zitterten und senkten sich leicht, sodass zwei dynamische Schatten auf ihre schneeweißen Wangen fielen; ihre Nasenflügel bebten leicht, und ihre warmen, roten Lippen verströmten einen ungeheuren Reiz.

Gerade als Lin Hans ausgetrocknete Lippen sich in seinen Tagträumen den beiden vollen, roten, verführerischen Brüsten näherten, störte eine leichte Unruhe die Stille des Klassenzimmers. Verärgert blickte Lin Han auf; eine blendend weiße Gestalt huschte vor seinen Augen vorbei, langes, wallendes Haar verströmte einen zarten Duft. Plötzlich stand Chen Yan vor ihm, was ihm die Röte ins Gesicht trieb und ihn sprachlos und verlegen zurückließ.

Chen Yan ignorierte Lin Han, ging kühl zu dem leeren Platz hinten im Klassenzimmer, setzte sich, holte ihr Lehrbuch heraus und begann eifrig zu lernen. Lin Han schluckte schwer und drehte sich heimlich um, doch ihr Gesicht war von ihren langen Haaren verdeckt. Nur ihre schönen Hände und schlanken Finger huschten leicht über die Seiten des Buches.

Seine Konzentration fiel ihm zunehmend schwerer, und die Zeit verging wie im Flug, während er heimlich zusah. Als er wieder aufblickte, waren nur noch Lin Han und Chen Yan im Klassenzimmer. Eine aufgeregte Stimme in Lin Han erinnerte ihn daran, dass dies eine einmalige Gelegenheit war, die er sich nicht noch einmal entgehen lassen durfte. Er wischte sich den Schweiß von den Handflächen an seiner rauen Jeans, nahm ein Englischbuch und ging nervös zu Chen Yan, doch sein Hals fühlte sich wie zugeschnürt an, und er brachte kein Wort heraus.

Chen Yan spürte, dass jemand neben ihr stand, und blickte aus dem Schatten Lin Hans auf, ihr Gesichtsausdruck blieb unverändert. Unter ihrem melancholischen, verträumten Blick hielt Lin Han den Atem an, seine aufgeregten Augen glitten unwillkürlich von ihrem unnatürlich blassen Gesicht zum tiefen Ausschnitt ihres weißen Pullovers. Ein kaum sichtbares Dekolleté ließ sein Herz rasen, sein Adamsapfel wippte heftig.

Chen Yan wandte den Blick gleichgültig ab, warf einen Blick auf ihre Brust, hob dann wieder die Lider, verzog die Lippen und sagte: „Wenn du mich liebst, spiel ein Spiel mit mir.“ Danach ignorierte sie Lin Hans Reaktion, nahm einen Stift, schrieb eine Zeile auf das Manuskriptpapier, riss es ab und legte es vorsichtig auf die Tischkante, packte ihren Rucksack und schritt anmutig an dem benommenen Lin Han vorbei, um das trapezförmige Klassenzimmer zu verlassen.

Es war das erste Mal, dass Lin Han Chen Yans Stimme hörte; sie klang zwar kalt, aber unbestreitbar melodisch. Als er schließlich aus seinen Tagträumen erwachte, angezogen von dieser bezaubernden, klangvollen Stimme, fand er sich allein und regungslos im grellen Licht der Neonröhren des riesigen, trapezförmigen Klassenzimmers wieder. Er drehte sich um, doch Chen Yan war verschwunden; es herrschte Totenstille. Er hob den Zettel auf, den sie ihm hinterlassen hatte, und spürte, wie seine linke Hand unkontrolliert zitterte.

Morgen Abend um 23:44 Uhr im großen Klassenzimmer im dritten Stock des Nordgebäudes.

Der dünne Papierstreifen schien von Chen Yans subtilem Duft durchdrungen zu sein, einem Duft, den kein Parfüm übertreffen konnte. Lin Han führte den Zettel an seine Nase und atmete gierig ein. Die schlichte, elegante Handschrift war wie Chen Yans Augen und offenbarte ein tiefes Geheimnis. Er hatte nicht erwartet, dass alles so reibungslos verlaufen würde, genau wie in jedem seiner Träume.

Obwohl das seit Langem verlassene Nordgebäude auf dem Campus als „Geistergebäude“ bekannt war und sich allerlei schaurige Legenden um es rankten, erschien Lin Han dieser verbotene Ort, den er sonst nie betreten würde, in diesem Moment plötzlich lieblich, wie das Paradies, nach dem sich alle sehnten. Er umklammerte den Zettel fest und wusste nicht einmal, wie er in sein Wohnheim zurückgefunden hatte.

2

Nach einer unruhigen Nacht waren Lin Hans Augen gerötet, und dunkle Ringe hatten sich um seine Unterlider gebildet. Als Chen Yan an ihm vorbeiging, blieb sie distanziert und unnahbar und starrte ihn direkt an, als wäre alles, was letzte Nacht geschehen war, nur ein schöner Traum für Lin Han gewesen.

Unruhig wartete Lin Han bis zum Einbruch der Dunkelheit, bevor das Licht im Wohnheim ausging, und schlüpfte dann aus seinem Zimmer. Er klopfte auf die Tasche, in der Chen Yans Zettel lag, und ging allein im kalten Mondlicht auf den Wäldchen zu, das das Nordgebäude vom Campus trennte. Am Rand des Wäldchens angekommen, blieb er plötzlich stehen. Ein Windhauch wehte, und die vom Mondlicht tiefschwarz gefärbten Bäume gaben seltsame, leise Pfeiftöne von sich, als weinten unzählige gequälte Seelen und beklagten ihr Unglück.

Sein Atem ging schwer, und Lin Han zuckte unwillkürlich zurück. Glänzende Schweißperlen auf seiner Nasenspitze reflektierten das Mondlicht und schimmerten hell. Das Betreten dieses Wäldchens, das als „Schwarzer Wald“ bekannt war, bedeutete, verbotenes Gebiet zu betreten. Eine furchterregende Legende, die schon lange an der Schule kursierte, schoss Lin Han wie ein Blitz in den Kopf, um die Atmosphäre noch zu verstärken.

Vor zwanzig Jahren soll sich ein Student im dritten Studienjahr unsterblich in eine Erstsemesterstudentin verliebt haben – die wunderschöne, von allen bewunderte Studentin des Campus. Nach unzähligen erfolglosen Versuchen, ihr Herz zu erobern, erstach der von Hass verzehrte Junge sie in einer mondhellen Herbstnacht im Nordgebäude. Anschließend stürzte er sich in einem Anfall von Raserei in den Hain und erhängte sich an einem Ast eines alten Robinienbaums.

Man erzählt sich, dass die jüngere Schülerin tot im großen Klassenzimmer im dritten Stock des Nordgebäudes gefunden wurde. Ihr siedendes Blut spritzte auf die blassen Leuchtstoffröhren und durchnässte den abgenutzten Holzboden. Der Schüler, der aus Schuldgefühlen Selbstmord begangen hatte, wurde erhängt an einem alten Robinienbaum gefunden. Sein Gesicht war blau angelaufen und von Blutergüssen gezeichnet, seine Augen traten hervor, und seine geschwollene Zunge reichte ihm fast bis zur Brust. Sein Körper, von der Schwerkraft in die Länge gezogen, wiegte sich sanft in der Abendbrise, das Seil rieb an den Ästen und erzeugte ein rhythmisches Knarren.

Von da an herrschte im Nordgebäude keine Ruhe mehr. Studenten berichteten oft von Begegnungen mit dem Geist der jüngeren Studentin während ihrer abendlichen Lernphasen, und einige sahen sogar Blut auf dem Boden des großen Hörsaals fließen. Auch flackerten die Lichter im Nordgebäude immer wieder unerklärlicherweise, und unzählige Menschen hatten das Weinen eines Mädchens gehört. Nicht nur das Nordgebäude, sondern auch der Hain, der einst als Paradies für Verliebte galt, wurde angeblich häufig von dem erhängten Jungen heimgesucht, der an einem alten Robinienbaum hing und knarrend hin und her schwankte, genau wie in der Nacht des Unglücks.

Die Geistergeschichten wurden immer abenteuerlicher, und die Schüler wagten sich nicht mehr ins Nordgebäude oder in den Hain. Nachdem die Schule es noch einige Jahre mühsam aufrechterhalten konnte, blieb ihr vor über zehn Jahren schließlich nichts anderes übrig, als das Nordgebäude aufzugeben. „Betretet das Sperrgebiet nicht leichtfertig“ – dies scheint eine ungeschriebene Schulregel geworden zu sein, die über Generationen weitergegeben wurde.

Sollte er hineingehen oder nicht? Lin Han zögerte und lief am Waldrand auf und ab, die Angst immer noch von ihm beherrscht. Nach langem Überlegen drehte er sich schließlich um, zu verängstigt, um weiterzugehen, und versuchte aufzugeben.

Der Wind wehte weiterhin unregelmäßig, und im klaren Mondlicht flackerten die Schatten des Hains. Eine dunkle Wolke zog vorbei, und die Nacht verdunkelte sich augenblicklich. Lin Hans erhobenes rechtes Bein blieb in der Luft hängen, sein Herz hämmerte unregelmäßig. Denn er hatte deutlich gespürt, wie ihn etwas leicht am Hals streifte, sobald er sich umgedreht hatte.

Sein ganzer Körper war von Gänsehaut bedeckt, seine Muskeln steif wie Stein. Lin Han wagte keinen Zentimeter zu rühren, stand auf einem Bein und blickte dem Unbekannten hinter ihm im Schatten der dunklen Wolken entgegen. Eine schwache Wärme ging von seiner linken Brust aus, und gleichzeitig kämpfte sich der Mond mühsam durch die Wolken und tauchte die Nacht erneut in sein klares Licht.

Im Licht spürte er weniger Angst. Lin Han legte seine schmerzenden Beine ab, die Wärme strahlte noch immer von seiner Brust aus. Überrascht zog er den Zettel, den Chen Yan ihm hinterlassen hatte, aus seiner Brusttasche. Noch bevor er den feuchten Zettel ganz auseinanderfalten konnte, veränderte er sich auf unglaubliche Weise. Er vergilbte rasch, wurde brüchig, und die schwarze Schrift verblasste bis zur Unkenntlichkeit.

Lin Hans Mund stand zu einem roten „O“ offen, als er hilflos zusah, wie das Papier in seiner Hand gräulich-schwarz wurde, Risse bekam und dann lautlos zu Asche zerfiel. Ein kalter Wind streifte sein Gesicht, und der schwarze Staub verwehte spurlos.

„Heiliger Strohsack, das kann doch nicht wahr sein? Träume ich?“ Lin Han schloss langsam seinen weit geöffneten Mund, biss sich dabei aber versehentlich auf die Zunge. Der stechende Schmerz riss ihn aus dem Schlaf und ließ ihn erkennen, dass er nicht träumte. Dieser Schmerz brachte einen völlig neuen Gedanken in ihm zum Vorschein: Eine Verschwörung, das muss eine Verschwörung sein.

„Oh nein, Chen Yan ist in Gefahr!“, rief Lin Han aus. Seine Sorge um Chen Yans Sicherheit überwog seine Angst. Er drehte sich abrupt um und stürmte ohne zu zögern in den Hain, um mit Höchstgeschwindigkeit auf das nördlich dahinterliegende Gebäude zuzulaufen.

3

Der Wind pfiff ihm um die Ohren, und die waagerechten Äste, wie geisterhafte Klauen, versuchten Lin Han aufzuhalten. Seine Gedanken kreisten nur noch um Chen Yan; die Angst war ihm völlig abhandengekommen, und nichts schien ihn mehr vom Laufen abhalten zu können. Scharfe Äste stachen ihm in die Wangen.

Mitten auf der Lichtung im Wald stand ein hoher, alter Robinienbaum, dessen Äste sich in alle Richtungen ausbreiteten und kalte Windböen hindurchtrieben. Lin Hans Herz zog sich zusammen, und obwohl er seinen Schritt nicht verlangsamte, wanderte sein Blick zaghaft zum dunklen Schatten des Baumes.

Der Wind schien immer stärker zu wehen, und das Rascheln aus allen Richtungen zerrte an Lin Hans Nerven. Um einen Ast, der mehr als einen Menschen hoch über dem Boden ragte, erschien ein schwaches grünes Leuchten, und ein Knarren übertönte alle anderen Geräusche. Ein schlanker, steifer menschlicher Körper wiegte sich im Wind hin und her.

Eine Legende?! Könnte die Legende wahr sein? Furcht überkam ihn, und Lin Han wagte es nicht, langsamer zu werden. Er hielt den Atem an und rannte davon. Ein unheilvolles Lachen umgab ihn, nicht laut, aber wie ein Blutegel, ließ es ihn nicht los.

Das Laufen war zu einer instinktiven, mechanischen Handlung geworden. Lin Han wagte es nicht mehr, das grüne Licht anzusehen. Er kniff die Augen zusammen und krümmte sich zusammen, als wolle er seine Geschwindigkeit erhöhen. Plötzlich spürte er, wie sich von hinten ein Seil um seinen Hals legte. Das Seil war rau, glitschig und kalt, als wäre es in Wasser getränkt gewesen.

„Nein!“ Eine wunderschöne Stimme erklang vom Himmel, kalt und doch voller Autorität. Das sich langsam spannende Seil löste sich plötzlich, und Lin Han stolperte und fiel zu Boden. Jahrelang angesammeltes Laub stützte seinen Körper, sodass er weder verletzt noch schmerzte. Er rappelte sich fast sofort wieder auf, doch bevor er festen Halt fand, ließ ihn eine große Angst einige Schritte zurücktaumeln, wobei sein Rücken hart gegen einen Baumstamm hinter ihm prallte.

Das eisige grüne Licht tauchte den Wald in kristallklares Licht. Das Seil, das sich eben noch um Lin Hans Hals gewickelt hatte, zog sich ruckartig zurück, und eine zähflüssige, bläulich-violette Flüssigkeit ergoss sich daraus. Mit einem einzigen Blick erkannte Lin Han, dass es gar kein Seil war, sondern eine Zunge – eine über drei Meter lange Zunge, deren Besitzer an einem Ast eines alten Robinienbaums hing und hin und her schwankte. Es war ein Mann; seine entblößte Haut strahlte eine greifbare Todesqual aus, seine hervorquellenden Augen glichen zwei purpurroten Tischtennisbällen, und ein geschwärztes Hanfseil steckte tief in seinem Nacken.

„Hehehe…“ Der Mann lachte kalt auf. Seine Zunge, die er halb zurückgezogen hatte, schnellte nun wieder hervor, so flink wie eine Giftschlange, und schlang sich um Lin Han. Lin Han war wie versteinert, sah bemitleidenswert und hilflos aus und lehnte zitternd an dem Baumstamm hinter ihm.

„Lass ihn los!“, ertönte die strenge, aber melodische Stimme erneut. Die Zunge erstarrte abrupt in der Luft und zitterte, als ob sie zögern würde. Nach einer Weile entfuhr ihr ein Seufzer, das grüne Licht verblasste allmählich, und die Zunge wurde zusammen mit dem baumelnden Mann langsam durchscheinend, bis sie schließlich verschwand.

Diese Stimme… diese Stimme war ihm zugleich vertraut und fremd. Als sein Bewusstsein zurückkehrte, erkannte Lin Han sie sofort als Frauenstimme, eine Stimme, die ihm das Gefühl gab, von einer sanften Brise umweht zu werden. Dieses Gefühl entspannte ihn ungemein; seine Augen schlossen sich leicht, und seine entspannten Gesichtszüge verrieten ein Gefühl wohligen Genusses. Nach all den Erlebnissen schien er den Sinn seines Laufs vergessen zu haben, und noch mehr den unerklärlichen Tonfallwechsel.

Die Nachtbrise schien nachzulassen. Lin Han öffnete langsam die Augen, blickte sich um und war völlig verblüfft. Er befand sich außerhalb des Waldes, und vor ihm stand ein hohes, dunkles Gebäude, das im Mondlicht ein unheimliches Leuchten ausstrahlte.

„War das, was ich gerade gesehen habe, nur eine Halluzination aus Angst?“, fragte sich Lin Han völlig ratlos. Niemand konnte ihm eine eindeutige Antwort geben, also beschloss er, das Beste daraus zu machen. Er blickte, noch immer erschüttert, zurück auf den dunklen Hain und schaute auf seine leuchtende Uhr. Es war bereits 23:40 Uhr.

Was für ein Spielchen will Chen Yan nur mit mir treiben? Könnte es sein…? Der Gedanke ließ Lin Han tief erröten, doch er verwarf die fast absurde Idee sofort und schämte sich für seine eigenen Gedanken. Er fand, er dürfe solche schmutzigen Gedanken nicht über die außergewöhnlich schöne Chen Yan hegen; es wäre eine Schändung ihres Andenkens. Er schlug sich innerlich zweimal gegen die Stirn, beruhigte seinen brennenden Atem und ging auf das nördliche Gebäude zu.

Der einst prachtvolle und imposante Eingang ist im Laufe der Jahre verfallen. Die beiden Glastüren hängen schief, der Scherbenstaub ist schmutzig und scharfkantig wie Teufelszähne. Überlappende Spinnweben hängen schlaff herab, und Mondlicht dringt nicht in die Dunkelheit im Inneren.

Lin Han wich einen halben Schritt zurück und blickte unwillkürlich auf. Im dritten Stock waren mehrere Fenster erleuchtet, ihr Licht flackerte schwach. Chen Yan war vor ihm angekommen, doch er konnte nicht erkennen, ob das Licht von einer Taschenlampe oder von Kerzen stammte. In diesem Moment trat eine Gestalt an das offene Fenster in der Mitte heran. Es war ein Mädchen, dessen schneeweiße Haut sanft im Dunkeln leuchtete.

„Chen Yan“, rief Lin Han leise, seine Stimme kaum hörbar. In wenigen Sekunden verschwand der Vollmond hinter den dunklen Wolken, nur um dann rasch wieder aufzutauchen und Chen Yan in ein schwaches, geheimnisvolles, blaues Licht zu tauchen, wie ein Scheinwerfer auf einer Bühne.

Lin Han bemerkte, dass Chen Yan an diesem kühlen Herbstabend ein reinweißes Spaghettiträgerkleid trug. Das Kleid fiel locker, und Chen Yans leicht nach oben gerichtetes Gesicht strahlte eine betörende, göttliche Schönheit aus. Er wusste nicht, wie er ihre Schönheit heute Abend beschreiben sollte; alle Worte schienen blass und kraftlos. Die einzigen zwei Worte, die ihm in den Sinn kamen, waren: „perfekt“.

Chen Yan schien zwei brennende Blicke zu spüren. Anmutig senkte sie den Kopf, ihre zarten Gesichtszüge ausdruckslos, nur die Lippen wie gewohnt gespitzt. Sie winkte Lin Han unten zu, drehte sich dann um und verschwand durch das offene Fenster. Erst jetzt begriff Lin Han, dass ihre Schönheit ihm den Atem geraubt und ihn beinahe ohnmächtig gemacht hatte. Er holte tief Luft, zückte sein Handy als Taschenlampe und rannte in den dritten Stock, das Knarren der alten Holztreppe unter seinen Füßen ignorierend.

4

Lin Han schritt gut gelaunt den tiefen, dunklen Korridor im dritten Stock entlang und lauschte dem Echo seiner eiligen Schritte. Er malte sich aus, wie es sein würde, Chen Yan bald wiederzusehen; vielleicht sollte er sie umarmen, oder vielleicht würde sie sich ihm in die Arme werfen, gefolgt von einem leidenschaftlichen Kuss. Alles, was geschehen sollte und was nicht, könnte im nächsten Augenblick geschehen. Angst und Halluzinationen verblassten in diesem Moment; die Nacht erstrahlte plötzlich in wunderbarer Schönheit.

Am Eingang des großen Klassenzimmers lehnte Chen Yan im Türrahmen und schien auf Lin Han zu warten. Als Lin Han ihren kalten Blick sah, geriet er sofort in Panik; seine Gedanken waren wie im Rausch, und ihm wurde heiß.

„Komm herein“, sagte Chen Yan entschieden, ohne Lin Han auch nur eines Blickes zu würdigen, und wandte sich ab, um den großen Klassenraum zu betreten. Lin Han nickte unruhig und wagte es nicht, ihr näher zu folgen.

Das geräumige Klassenzimmer wirkte verfallen; Staub hatte die ursprüngliche Farbe der Holzdielen verdeckt. Ein großer Spiegel, über einen Meter hoch und fast zwei Meter breit, stach an der Stelle des Rednerpults hervor und schien recht alt zu sein. Ein Kreis aus brennenden weißen Kerzen umgab den Spiegel, deren Flammen flackerten. Der stechende Geruch von Wachs lag in der Luft.

"Hmm..." Lin Han war immer noch rot im Gesicht, öffnete den Mund, wusste aber nicht, was er sagen sollte.

„Ich habe gehört, dass die jüngere Schwester, die damals getötet wurde, vor diesem Spiegel starb, ihr Blut war über die ganze Spiegeloberfläche gespritzt, es war furchtbar.“ Plötzlich ertönte von hinten eine Männerstimme.

„Ich werde sterben!“, rief ein Mädchen mit zitternder Stimme. „Du weißt, dass ich Angst habe, und trotzdem sagst du solche Dinge.“

Lin Han drehte sich überrascht um und bemerkte, dass er und Chen Yan nicht die Einzigen im Klassenzimmer waren. Im Halbdunkel, das vom Kerzenlicht nicht erfasst wurde, zeichneten sich drei weitere Gestalten ab. Als sie Lin Han sahen, verstummten sie und traten aus der Dunkelheit. Er erkannte sofort die beiden Mädchen und den Jungen: Der Junge war Lu Hao, der Schwarm der Schule – der Song Seung-heon, dem Hauptdarsteller der koreanischen Serie „Autumn in My Heart“, verblüffend ähnlich sah; eines der Mädchen war Li Leyu, die ehemalige Schulschönheit und Lu Haos Freundin; und die andere war Ye Chang, Li Leyus beste Freundin.

„Alle sind da. Jetzt erkläre ich euch die Spielregeln“, sagte Chen Yan kühl, ihr Körper halb im Kerzenlicht, halb im Schatten. „Wer nicht mitspielen will, kann jetzt aufhören. Wer später gehen will, kann das nicht mehr.“

Einen Moment lang hatte Lin Han das Gefühl, die Stimme, die er während seines schrecklichen Erlebnisses im Hain gehört hatte, klang sehr nach Chen Yan. Er runzelte die Stirn und grübelte angestrengt, konnte sich aber nicht sicher sein, ob es wirklich ihre war. Er beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken, und blickte beiläufig auf. Sein Blick schweifte über die Gesichter der anderen drei. Lu Hao starrte Chen Yan an, seine Augen voller unbändiger Sehnsucht. Li Leyu und Ye Chang hingegen blickten Chen Yan mit hasserfüllten Augen an.

Da niemand Anzeichen machte, nachzugeben, erklärte Chen Yan langsam und deutlich die Spielregeln. Ihre Stimme schien einen gewissen Zauber zu besitzen; Lin Han spürte, wie seine Sinne allmählich verschwammen, und er achtete nicht mehr auf die Reaktionen der anderen. Erst jetzt begriff er, dass Chen Yan von ihnen ein Geisterbeschwörungsspiel verlangte, das unter keinen Umständen berührt werden durfte.

Für dieses Spiel braucht man drei Mädchen und zwei Jungen. Es muss in einer Vollmondnacht in einem Zimmer mit einem großen Spiegel gespielt werden, in einem Abstand, in dem sich alle sehen können. Die Jungen stellen sich zu beiden Seiten des Spiegels auf und merken sich dessen Position. Nachdem sie eine Weile gestanden haben, beginnen sie gegen Mitternacht im Kreis zu laufen. Ein Mädchen beginnt, indem sie dem Mädchen vor ihr leise in den Nacken pustet und so weiter, während sie im Kreis laufen. Sobald jemand zwei Atemzüge im Nacken spürt, ruft er: „Jetzt geht’s los!“ und dreht dem Spiegel den Rücken zu, während die anderen vier ihr Spiegelbild betrachten.

Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass während des Vorgangs niemand in den Spiegel schauen darf. Was auch immer ihr seht, lauft nicht weg; alle müssen gemeinsam „Los!“ rufen und sich umdrehen. Idealerweise sollte jemand die Führung übernehmen und dieses Kommando geben. Wenn die Führungsperson mit dem Rücken zum Spiegel steht, ist jeder auf sich allein gestellt.

Lin Han erinnerte sich daran, dieses Spiel online gesehen zu haben. Es hieß, wer es spielte, habe allerlei schreckliche Visionen im Spiegel gehabt. Warum „man sagte“? Weil der Legende nach jeder, der das Spiel spielte, starb, und bis heute niemand genau sagen kann, welchen Schrecken oder welche Gefahren die Verstorbenen erlebten.

Es hatte gerade 11:44 Uhr geschlagen, als das Spiel pünktlich begann.

Draußen heulte ein kalter Wind vorbei und durchdrang das klare Mondlicht. Im Wind flatterten Chen Yans langes schwarzes Haar und ihr schneeweißes Kleid, sodass sie wie eine wunderschöne Fee wirkte, die im Begriff war, zum Mond aufzusteigen. Doch ihr Blick war noch kälter als das Mondlicht.

Unter Chen Yans kaltem, strengem Blick gingen Lin Han und Lu Hao diszipliniert zum Spiegel. Lin Han bemerkte, dass die anderen drei ausdruckslos wirkten, als wären sie von einer mysteriösen Macht gelenkt. Obwohl er noch klar denken konnte, war er verwirrt, als er feststellte, dass seine Beine ihm nicht mehr gehörten, sondern von einer äußeren Kraft in die vorgesehene Position gezogen wurden.

Nein! Nein! So kann es nicht weitergehen! Lin Han schrie innerlich auf, doch er brachte keinen Laut heraus. Panisch blickte er Chen Yan an, doch ihr Gesichtsausdruck blieb unverändert. Er wusste nicht, ob sie, genau wie er, bemerkt hatte, dass etwas nicht stimmte. Vielleicht war auch sie machtlos.

Alles verlief nach den Spielregeln, Schritt für Schritt. Der Wind heulte stärker, das Mondlicht wurde kälter und die Temperatur sank langsam. Drei Mädchen schlossen sich dem Kreis an.

Hinter Lin Han ging Chen Yan. Eins, zwei, drei… Er spürte einen Luftzug, der rhythmisch seinen Nacken streifte, kalt und doch mit dem betörenden Duft eines jungen Mädchens. Er fühlte sich wie berauscht, seine Gedanken schweiften ab, seine Schritte schienen auf Wolken zu schweben, leicht und unsicher.

Mit zunehmender Anzahl der Kreise sank die Temperatur weiter, und Lin Han konnte seinen eigenen Atem, milchig-weiß, deutlich in Klumpen nach außen ausbreiten sehen. Nebel stieg auf und wirbelte, ätherisch wie Schlangenfäden; seltsamerweise drehte er sich nur langsam an den äußeren Rändern und konzentrierte sich nie auf die Mitte. Es fühlte sich an, als ob ein transparenter Glaszylinder einen Spiegel oder einen Menschen umschloss.

Eine Reihe schriller, durchdringender Geräusche hallte im leeren Raum wider, wie unheimliches Flüstern, das Lin Hans Gehör quälte. Es schien, als kämen die Geräusche von dem riesigen Spiegel.

Lin Han atmete schwer, kalter Schweiß rann ihm über das Gesicht, seine Augen huschten unruhig in ihren Höhlen hin und her. Trotz seiner ständigen Warnungen an sich selbst: Nicht spicken! Nicht in den Spiegel spicken! Doch diese mysteriöse Kraft, woher auch immer sie kam, hielt seinen Blick fest und zog seine Augen Zentimeter für Zentimeter zum Spiegel.

5

Der glatte Spiegel reflektierte das Mondlicht und strahlte ein gespenstisches, blaues Leuchten aus, das eisig und unheimlich wirkte. Dichter, bläulich schimmernder Nebel wirbelte und wogte um den Spiegel, als würde eine unsichtbare Hand ihn heftig bewegen.

Tief im Spiegel, schwarz wie Tinte, schien sich etwas zu bewegen – ein winziger weißer Punkt, der zur Oberfläche schwebte und flatterte. Er wurde immer größer, bis Lin Han schließlich erkennen konnte, dass es der Rücken eines Menschen war, der wohlgeformte Rücken einer Frau, deren langer, fließender Schal glänzte und deren weißes Neckholderkleid sich windstill bewegte.

Chen Yan?! Wieso sieht das so sehr nach Chen Yans Rücken aus?, dachte Lin Han, während er noch immer den kühlen Atem in seinem Nacken spürte. Erschrocken erkannte er, dass der Spiegel aus diesem Winkel höchstens Chen Yans Profil zeigen konnte.

In diesem Moment begann sich die Gestalt langsam zu drehen, ihre Bewegungen unergründlich, als stünde die Person darin auf einer elektrischen Drehplattform. Augenblicklich wandte sie sich der Person zu, und die Frau hob sanft ihren leicht gesenkten Kopf. Wer konnte es sonst sein als Chen Yan? Ihr nahezu perfektes Gesicht und ihre makellose Gestalt hatten sich tief in Lin Hans Gedächtnis eingebrannt; er würde sie niemals mit jemand anderem verwechseln.

Die Chen Yan im Spiegel wirkte noch distanzierter als die draußen; ihre tiefschwarzen Augen schossen zwei eisige Strahlen aus. Unter dem durchdringenden Blick dieser beiden Strahlen spürte Lin Han, wie sein Blut rapide gefror, und der kalte Schweiß auf seiner Stirn schien zu kleinen, scharfen Eiskristallen zu erstarren, die auf seiner Haut brannten.

Mein Gott! Fließt da etwas aus ihren Augen? Einen Moment lang war Chen Yan wie gelähmt vor Schreck. Im Spiegel sah sie nicht nur ihre Augen, sondern auch Mund und Nase, aus denen langsam etwas floss – eine dicke, dunkelrote Flüssigkeit, die ihre schneeweißen Wangen hinaufstieg. Ihre Haut war weiß, blutrot und strahlte eine schaurig-unheimliche Schönheit aus. Ihre blutenden Augen starrten Lin Han außerhalb des Spiegels an, ihr langes schwarzes Haar wehte wild um ihr erschreckend blasses Gesicht. Das Blut begann sich rasch schwarz zu färben, floss nicht mehr nach unten, sondern breitete sich mit unglaublicher Geschwindigkeit über ihr Gesicht aus.

Lin Han versuchte zu schreien, doch kein Laut kam heraus; er konnte nicht einmal den Mund öffnen. Im Spiegel kräuselten sich Chen Yans Lippen leicht nach oben, ein scheinbares Lächeln, doch dieses Lächeln war kälter als ihr Blick. Die Weiße ihres Gesichts war eisig, wie eine rissige Gipsmaske. Das Geplapper wurde deutlicher, wie die schrille Stimme einer Frau, die schnell einen Zauberspruch murmelte.

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