Ich wollte dich nicht erschrecken - Kapitel 6
Die Tür öffnete sich, und zwei kräftige Krankenschwestern, je eine zu jeder Seite, zerrten die weinende Wang Xinxin zurück ins Bett und fesselten ihre Gliedmaßen. Eine andere Krankenschwester gab ihr wortlos mit kaltem Blick eine Spritze. Im Halbschlaf sah sie die drei Krankenschwestern gemeinsam aus dem Zimmer gehen, und das dumpfe Zuschlagen der Tür riss sie zurück in einen alptraumhaften Schlaf.
Diesmal, nachdem sie wieder zu sich gekommen war, war Wang Xinxin nicht mehr manisch. Jeder Widerstand wäre zwecklos gewesen und hätte die Ärzte und Krankenschwestern nur in ihrer psychischen Instabilität bestärkt. Ihre Gliedmaßen waren noch immer fest mit Lederriemen gefesselt, sodass sie regungslos dalag und mit leerem Blick die strahlend weiße Decke über sich anstarrte. In der Mitte der Decke befand sich ein fingernagelgroßer Fleck, deutlich schwarz-weiß, der aussah wie ein versehentlich verschütteter Tintenklecks.
Es war wohl schon dunkel; durch das Fenster, das mehr als einen Meter über dem Boden lag, drang kein Sonnenlicht. Ferne Schreie und seltsame Rufe drangen durch die dicke Tür herein. Wang Xinxin lag wie versteinert auf dem Bett, ihr Wille wurde von den verzweifelten Geräuschen allmählich gebrochen; sie verfiel in tiefe Verzweiflung.
„Klopf, klopf, klopf“ – es war ein leises Klopfen, als würde jemand sanft mit den Fingernägeln an die Tür klopfen. Wang Xinxin lag regungslos auf dem Bett. Sie war verwirrt, dass das Klopfen in dieser Umgebung für sie bedeutungslos war. Ihr Blick ruhte auf einem Fleck an der Decke, einem Fleck, den sie schon lange nicht mehr aus den Augen gelassen hatte.
Es klopfte nur dreimal an der Tür, dann war Ruhe. Ob es daran lag, dass sie zu lange darauf gestarrt hatte oder an etwas anderem, Wang Xinxin hatte das Gefühl, der Fleck habe sich bewegt und sich unmerklich ausgebreitet.
8
Bildete ich mir das nur ein? Wang Xinxin blinzelte instinktiv, wandte den Blick für ein paar Sekunden ab und richtete ihn dann schnell wieder auf den Fleck. Diesmal, als wolle er ihr das Gegenteil beweisen, breitete sich der Fleck viel schneller aus, wie dicke Tinte, die auf Reispapier tropft.
Wang Xinxins erster Gedanke war, dass es irgendwo ein Leck gab. Als der Fleck die Größe einer Faust erreicht hatte, hörte er auf, sich auszubreiten, doch feine schwarze Linien zogen sich nach außen, wie die langen, verschlungenen Tentakel eines Tieres. Diese schwarzen Tentakel drohten, die weiße Decke zu bedecken. Plötzlich begriff sie, dass diese feinen schwarzen Linien lebendig waren und sich sehr nach … menschlichem Haar anfühlten.
Eine Welle heftiger Angst schnürte ihr augenblicklich die Luft ab, Wang Xinxins Körper erstarrte, ihr Blick blieb wie gebannt auf dem Fleck haften. Die dunkle Masse in ihrer Mitte wölbte sich langsam nach außen, wie ein Bambusspross, der nach dem Regen aus der Erde sprießt. Die dunkle Wölbung wuchs immer höher, bis etwas Weißeres als die Decke daraus hervortrat.
Nachdem Wang Xinxin erkannt hatte, dass es sich um einen langsam wachsenden menschlichen Kopf handelte, stieß sie einen langen, durchdringenden Schrei aus. Schritte näherten sich, die Tür wurde aufgerissen und ein Schwarm medizinischer Fachkräfte stürmte herein. Dieser anhaltende Schrei löste noch größere Aufregung im Flur aus.
„Ein … ein Kopf … an der Decke …“ Die erhöhte Aufmerksamkeit bestärkte Wang Xinxin. Sie wand sich mit ihrem verschwitzten Körper und brachte diesen abgehackten Satz hervor. Die Ärzte und Krankenschwestern blickten auf; die blendend weiße Decke erfüllte sie mit einem Gefühl von Verrat und Wut. Dieselben beiden kräftigen Krankenschwestern hielten Wang Xinxin fest am Boden und zogen ihre Gürtel enger.
Die Injektion zwang Wang Xinxin zum Schweigen. Ein Arzt mittleren Alters mit goldumrandeter Brille beugte sich zu ihr hinunter, um sie zu untersuchen. Die beiden glatten Gläser reflektierten das Licht in ihre benommenen Augen. Durch die Gläser konnte sie ihr Gesicht deutlich erkennen, blass und abgemagert.
Wang Xinxin starrte auf ihre zwei identischen Gesichter, die sich in der Brille spiegelten, und ihr zuvor ruhiger Gesichtsausdruck begann sich unmerklich zu verändern. Ihre beiden Gesichter verzerrten sich langsam in den Gläsern, Blut quoll aus den Wunden ihrer aufgerissenen Haut und rann über das Gesicht der Ärztin. Tropfen für Tropfen durchnässte es ihren weißen Krankenhauskittel. Sie konnte sogar das heiße Blut spüren, das die Haut unter ihrer Kleidung verbrannte.
Zwei Gesichter, aber nicht ihres, tauchten hinter den Gläsern auf und gaben ein quietschendes Geräusch von sich. Es war jene Frau – die furchterregende Frau in Weiß auf dem Balkon. Sie lächelte finster, ihre lange, schwarze Zunge leckte über Wang Xinxins Gesicht, deren widerliche, klebrige Substanz eine eisige Aura des Todes verströmte.
Mit einem leisen Stöhnen fiel Wang Xinxin in Ohnmacht. Diesmal war ihre Bewusstlosigkeit jedoch nur von kurzer Dauer. Als sie die Augen wieder öffnete, hatte sich der bebrillte Arzt gerade aufgerichtet und wandte sich der Krankenschwester hinter ihm zu, um etwas zu sagen.
Der Gestank schien ihr noch in der Nase zu hängen. Wang Xinxin holte tief Luft, hob leicht den Kopf und blickte an sich herunter. Soweit ihr Blick reichte, war das weiße Krankenhauskleid makellos, bis auf ein paar Schweißflecken. Sie atmete aus und ließ ihren schweren Kopf auf das Kissen sinken: „Doktor, ist alles in Ordnung mit mir?“
„Was?“ Der Arzt drehte sich überrascht um. „Haben Sie mich das gerade gefragt?“
„Ja.“ Wang Xinxin fühlte sich schwach und konnte nicht sprechen, aber sie durfte nichts überstürzen; stattdessen musste sie versuchen, normal zu wirken. Sie konnte nicht länger an diesem schrecklichen Ort bleiben und musste so schnell wie möglich weg. „Doktor, ich möchte wissen, ist meine Krankheit ernst?“
„Äh …“ Diesmal waren nicht nur der Arzt, sondern auch die Krankenschwestern hinter ihm verblüfft. „Ihre Erkrankung … ist nichts Schlimmes, aber wir müssen Sie gründlich untersuchen. Ruhen Sie sich heute Abend aus, und die Schwestern bringen Ihnen in Kürze das Abendessen.“
„Vielen Dank!“ Nachdem der Arzt das gesagt hatte, verspürte Wang Xinxin tatsächlich etwas Hunger. Sie blickte auf ihr Handgelenk und sah den Arzt flehend an: „Doktor, ich habe den ganzen Tag gelegen, dürfte ich mich ein wenig bewegen?“
Ein Anflug von Zögern huschte über die Augen des Arztes. Nach einer langen Pause sagte er nichts, sondern nickte nur den beiden großen, kräftigen Krankenschwestern hinter ihm zu. Die beiden lösten die Gurte, die Wang Xinxin fesselten, und sie verspürte sofort Erleichterung. Der Arzt und die Krankenschwestern drehten sich um und verließen die Station, sodass sie wieder allein in dem leeren Zimmer zurückblieb.
Wang Xinxin rollte aus dem Bett und ging ein paar Schritte hin und her, wobei sie spürte, wie ihre steifen Gelenke allmählich wieder beweglich wurden. Sie ging zurück zum Bett, und gerade als sie sich setzen wollte, stieß ihr Zeh gegen etwas, was ein leises Geräusch verursachte. Sie blickte hinunter und sah einen Kugelschreiber, der still auf den hellgrünen Fliesen unter dem Bett lag. Sie bückte sich, hob den Stift auf und steckte ihn schnell hinter ihren Rücken. Diese Szene erinnerte sie an den amerikanischen Horrorklassiker *Das Schweigen der Lämmer*; hatte sich Dr. Hannibal Lecter nicht auch mit einer Stiftkappe aus seinen Fesseln befreit?
Wang Xinxin saß gelangweilt auf der Bettkante, die Beine baumelten hin und her. Der Kugelschreiber an ihrer Hüfte war schon warm vom vielen Halten, und ihr Magen knurrte vor Hunger. Sie sprang vom Bett, schlurfte in ihren Hausschuhen zur Tür und spähte durch das Drahtgitter. Draußen erstreckte sich ein gerader, sauberer und heller Korridor bis zum Horizont, keine Menschenseele weit und breit.
Xiaoxue ist tot. War alles nur eine Illusion? Wang Xinxin lehnte sich an die Tür, die Nase an das kühle Drahtgitter gepresst. Das eiserne Tor am Ende des Korridors öffnete sich, und eine Krankenschwester schob einen Speisewagen hinein.
Oh je! Es gibt Essen! „Essen ist das erste Bedürfnis des Menschen“, unsere Vorfahren wussten es genau. Beim Gedanken an Essen verwarf Wang Xinxin all ihre wirren Gedanken und freute sich darauf, dass das Essen ihren leeren Magen füllen würde.
9
Das Abendessen bestand aus zwei Gerichten und einer Suppe sowie einem großen Glas Milch. Es war zwar nicht besonders üppig, aber köstlich und sauber – weitaus besser als das Essen in der Schulkantine, das kaum besser als Schweinefutter war.
Wang Xinxin aß mit großem Genuss und verschlang ihr Essen im Nu. Zufrieden rülpste sie, nahm dann das Glas mit der warmen Milch, deren intensiver Duft ihr in die Nase stieg.
„Wenn das hier keine psychiatrische Klinik wäre, wäre es ganz angenehm, auf unbestimmte Zeit hier zu bleiben“, dachte Wang Xinxin und nahm einen kleinen Schluck Milch. Eine Krankenschwester kam herein und nahm das Tablett ab; sie schenkte ihr ein ruhiges, dankbares Lächeln.
Die Schritte der Krankenschwester verhallten in der Ferne, doch draußen vor der Tür tobte und heulten die Wahnsinnigen unaufhörlich. Wang Xinxin stellte den Pappbecher mit Milch ab und staunte über die unbändige Energie dieser Männer. Satt und zufrieden stand sie auf und ging in dem kleinen Krankenzimmer auf und ab, eine Art Spaziergang nach dem Essen.
Gerade als Wang Xinxin zurückkam und sich vor dem Nachttisch umdrehen wollte, lenkte ein Glucksen aus dem Milchglas ihre Aufmerksamkeit auf sich. Neugierig blickte sie hinein; die weiße Milch kräuselte sich an der Oberfläche und breitete sich aus. Glucksen – ein weiteres Geräusch, diesmal wie Wasser, das aus einem verstopften Abfluss zurückfließt.
Seltsam! Was ist denn da los? Wang Xinxin neigte den Kopf und beobachtete weiter. Das Geräusch hielt an, die Abstände wurden kürzer, und die Wellen auf der Milch schlugen immer schneller. Die Fragen in ihrem Kopf wurden immer mehr, und sie konnte sich einer gewissen Nervosität nicht erwehren. Sie griff hinter ihren Hosenbund und zog den Kugelschreiber heraus, die einzige Waffe, auf die sie sich in diesem Moment verlassen konnte.
Die Wellen zersplitterten Wang Xinxins Spiegelbild auf der Milchoberfläche. Sie umklammerte ihren Stift fest in der rechten Hand, Schweißperlen rannen ihr über die Nase. Ein schwacher roter Schimmer stieg aus der Milch auf, nur um im nächsten Augenblick wieder zu verschwinden. Dann stieg das Rot weiter auf, und die rosafarbene Milch brodelte und blubberte wie kochendes Wasser.
Wang Xinxins Gesicht war kreidebleich, und eine eisige Aura schnürte ihr die Kehle zu. Sie wich zurück. Die Milch, nun dunkelrot, brodelte heftiger und lief klebrig über den Rand der Tasse. Der stechende, metallische Geruch vermischte sich erneut mit der warmen Luft um sie herum.
Die dunkelrote Flüssigkeit, als hätte sie Augen, zitterte und kroch auf Wang Xinxin zu, die in einer Ecke kauerte. Sie öffnete den Mund, konnte aber nicht schreien; nur ein Zischen entfuhr ihrer Kehle. Augenblicklich bedeckte die dunkelrote Flüssigkeit den Boden, und die Leuchtstoffröhren über ihr strahlten ein unheimliches grünes Licht aus. Die dunkelrote Flüssigkeit hörte auf, sich vorwärts zu bewegen, und stieg stattdessen langsam empor, sich windend wie eine riesige, blutrote Python.
Der Kopf der Python bog sich und reichte etwa bis zur halben Körpergröße eines Menschen. Langsam schwamm sie hin und her und hielt keine 15 Zentimeter vor Wang Xinxins verängstigtem Gesicht inne. Ein Gesicht, wie in Relief gemeißelt, dessen Röte verblasst war, dessen Haut kreideweiß, dessen langes, nasses Haar die Züge verdeckte.
Ein eisiger Wind schien vom Boden aufzusteigen, wirbelte empor und zerzauste ihr langes Haar. Weidenblattartige Augenbrauen, mandelförmige Augen, eine spitze, nach oben gebogene Nase und sinnliche Lippen. Wang Xinxin hatte die Illusion, in einen Spiegel zu blicken. Die geschlossenen Augen gegenüber rissen plötzlich auf, ihre purpurroten, pupillenlosen Augen brannten mit einer finsteren Flamme. Ein grausames Lächeln ließ ihre sonst so schönen Lippen kalt und unbarmherzig wirken.
Nein, nein! Du bist nicht ich. Wang Xinxin schrie innerlich auf, ihr hübsches Gesicht vor Angst verzerrt wie eine Figur in einem Picasso-Gemälde. Das Gesicht ihr gegenüber lächelte noch breiter und sprach mit kalter, emotionsloser Stimme: „Sieh genau hin, ich bin du, und du bist ich.“
Wang Xinxin schüttelte heftig den Kopf und spürte plötzlich, wie die Fesseln ihrer Angst von ihr abfielen. Ein Schrei entfuhr ihr, als sie ihre rechte Hand, die einen Kugelschreiber umklammerte, hob und wütend auf das Gesicht einstach. Wie aus dem Nichts wehte ein dünner, grauer Nebel heran, der das Gesicht umhüllte und seinen unheimlichen Ausdruck noch verstärkte.
Die scharfe Stiftspitze flog näher, doch das Gesicht zuckte nicht einmal, im Gegenteil, es lächelte – ein eisiges Lachen, das Wang Xinxin beinahe das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ihre rechte Hand, die den Stift fest umklammerte, zitterte sichtlich, doch sie hielt nicht inne und stieß ihn mit aller Kraft in den blutroten Hals unter dem Gesicht. Ein leises, reißendes Geräusch ertönte, und ein tiefes, dunkelrotes Licht breitete sich vor Wang Xinxins Augen aus …
In der psychiatrischen Klinik wurden die seltsamsten Schreie von Ärzten und Pflegekräften nie beachtet. Als der Arzt auf Visite Wang Xinxins Zimmertür aufstieß, verschlug ihm der grauenhafte Anblick in der Ecke die Sprache, und er brach zusammen.
In der Ecke kauerte Wang Xinxin zusammengekauert, ihr blutleeres Gesicht von entsetztem Schrecken verzerrt. Ein Kugelschreiber steckte von rechts nach links in ihrem Hals, ihre rechte Hand umklammerte ihn krampfhaft, ihre Knöchel waren gespenstisch weiß. Blut durchtränkte die Vorderseite ihres Krankenhauskittels und tropfte auf den Fliesenboden. An den Wänden neben ihr strahlten Blutflecken wie zwei aufblühende, purpurrote Blüten in einem sprühartigen Muster nach außen.
Niemand an der Schule wusste von Wang Xinxins Tod; alle sprachen noch immer über Qu Muxues unerklärlichen Sturz. In jener Nacht konnte Zhao Na, die Qu Muxues Leiche gesehen hatte, den grausamen Anblick nicht ertragen und erkrankte. Sie erholt sich seit einigen Tagen zu Hause und friert ständig.
10
In der Nacht, in der Wang Xinxin starb, waren Zhao Nas Eltern auf einer Party bei Freunden und ließen sie allein zu Hause. Im zwanzigsten Stock herrschte nachts absolute Stille; nur der heftige Nordwind rüttelte gelegentlich an den Fensterscheiben.
Der Fernseher dröhnte laut, und die Heizung lief auf höchster Stufe, sodass es im Zimmer unerträglich heiß war. Doch Zhao Na fühlte sich wohl; sie schaltete sogar alle Lichter im Wohnzimmer an, um es noch wärmer zu haben. Qu Muxues Tod war zu schrecklich; sie konnte es nicht ertragen, allein in dem stillen Haus zu sein. Schon der Gedanke daran ließ sie unkontrolliert zittern.
Im Fernsehen lief die DVD des koreanischen Dramas „Sad Love Song“, das Zhao Na schon unzählige Male gesehen hatte und jedes Mal von der Liebesgeschichte zu Tränen gerührt war. Doch diesmal weinte sie nicht, nicht weil sie durch das viele Sehen abgestumpft war, sondern weil sie der Handlung überhaupt nicht folgte. Sie wagte es nicht, an die Schule zu denken, geschweige denn an Qu Muxue; sie saß einfach nur da und starrte auf den Bildschirm, ihr Kopf völlig leer.
„Klopf, klopf, klopf“ – jemand klopfte an die Tür, doch Zhao Na beachtete es nicht. Sie blieb auf dem Sofa sitzen und starrte gedankenverloren auf den Fernseher. Nach einer kurzen Pause klopfte es erneut, diesmal lauter. Zhao Na hielt inne und warf einen Blick auf die Quarzuhr an der Wand. Zehn Uhr. Ihre Eltern wären um diese Uhrzeit nicht zu Hause, aber für einen fremden Besucher schien es zu spät.
„Komme gleich.“ Das Klopfen trieb sie immer noch an. Zhao Na antwortete, schlüpfte in ihre Hausschuhe und joggte zur Haustür. Sie griff nach dem Schloss und spähte wie gewohnt durch den Türspion in den Flur. Niemand war da, aber die Bewegungsmelder leuchteten. Als ob ihr plötzlich etwas einfiel, huschte Wut über ihr schönes Gesicht. Sie verließ die Tür und fluchte den spielenden Kindern im Haus hinterher.
Zhao Na lehnte sich auf dem Sofa zurück, sah sich eine Weile eine DVD an und gähnte dann, etwas schläfrig. Da begann das nervige Klopfen von Neuem. Ihre mandelförmigen Augen weiteten sich, sie sprang barfuß vom Sofa auf und stürmte zur Tür. Ein goldener Lichtstrahl fiel durch den Türspion – das Licht aus dem Flur. Noch bevor sie die Tür erreichte, verstummte das Klopfen erneut.
„Ihr kleinen Racker, ich krieg euch, wenn ich euch erwische, pff!“, rief Zhao Na und schlich zur Tür. Sie hielt den Atem an und spähte hinein. Der Flur, nur von einer einzelnen Glühbirne hell erleuchtet, war leer; keine Menschenseele war zu sehen. Sie knirschte mit den Zähnen und fluchte leise. Gerade als sie sich umdrehen und gehen wollte, blieb sie plötzlich stehen. Ihr fiel etwas ein: Nach den zwei Klopfzeichen hatte sie keine Schritte gehört.
Zhao Na stand regungslos hinter der Tür und schloss daraus, dass die Kinder nach dem Klopfen nicht gegangen, sondern sich versteckt hatten, um einen weiteren Streich zu spielen. Der einzige Ort, an dem sie sich verstecken konnten, war unter ihrer Tür, ein toter Winkel durch den Türspion. Sie beschloss abzuwarten, fest entschlossen, die frechen Jungen auf frischer Tat zu ertappen.
Sie wartete ewig, doch von draußen war immer noch kein Laut zu hören. Zhao Na konnte sich nicht länger beherrschen. Wütend riss sie die Tür auf. Doch der Anblick draußen ließ die Flüche, die ihr gerade über die Lippen gekommen waren, verstummen. Niemand war vor der Tür. Sie grübelte angestrengt, aber sie konnte sich einfach nicht erklären, was los war. Wütend knallte sie die Tür zu und ließ sich schmollend auf das Sofa fallen.
Es klopfte erneut. Zhao Na sprang auf und stürmte zur Tür, bereit, einen Schwall von Beschimpfungen loszulassen, als sie plötzlich erstarrte. Diesmal war das Klopfen leise und dringlich, und noch wichtiger: Der Türspion war völlig dunkel und ließ kein Licht durch. Eine seltsame Spannung ergriff sie; das Treppenhaus, das nur durch eine dünne Tür abgetrennt war, wirkte unheimlich beunruhigend.
„Wer ist da?“, fragte Zhao Na zögernd, ihre Stimme klang etwas zittrig. Es klopfte weiter, doch es kam keine Antwort. Sie holte tief Luft und überlegte, ob sie durch den Türspion schauen sollte, als dieser plötzlich von einem Licht erhellt wurde. Vorsichtig näherte sie sich, doch der hell erleuchtete Flur war immer noch leer, und das Klopfen verstummte abrupt.
Wie konnte das sein? Wer spielte ihr diesen Streich? Zhao Na empfand die Heizung plötzlich als zu stark, und ihr Rücken begann zu schwitzen. Vorsichtig drückte sie ihre Brille gegen den kühlen, schlitzartigen Rahmen. Der Flur war hell und leer, erfüllt von einer beunruhigenden Stille. Ihr Blick schweifte durch den Flur und blieb schließlich an den grauen Schatten hängen, die vom Licht nicht erreicht wurden.
Dort sah es aus wie ein zusammengekauerter Schatten, der keinen Laut von sich gab. Ihre Augen brannten, und Zhao Na blinzelte sanft. Als sie erneut hinsah, war der Schatten seltsamerweise verschwunden. Gerade als sie sich fragte, was los war, fiel ihr Blick auf einen dunklen Fleck. Ihr Blick wurde sofort davon angezogen; es war der tote Winkel des Türspions direkt unter ihrer Tür.
Die Dunkelheit breitete sich aus, und Zhao Na erkannte schließlich, dass es sich um einen menschlichen Kopf handelte. Verdammt! Konnte es wohl nicht widerstehen, sich zu zeigen, was?, dachte sie verbittert und starrte die Person an, die sich langsam aufrichtete. Haare – alles, was sie sah, waren Haare, verfilzt und büschelweise, als wären sie seit Ewigkeiten nicht gewaschen worden. Selbst als die Person ganz aufrecht stand, sah sie nur Haare. Ihr erster Gedanke war, dass die Person mit dem Rücken zur Tür stand, und angesichts der langen Haare musste es eine Frau sein.
„Du Idiot, was machst du da?“, fragte Zhao Na wütend mit gerunzelter Stirn. Die Frau vor der Tür stand lange regungslos da, dann machte sie abrupt einen Schritt auf das Treppenhaus zu und blieb erneut stehen. Sie hob zwei blasse Hände, deren Nägel schwarz waren und deren Adern sich unter ihrer Haut wie ein Spinnennetz kreuzten.
Zhao Na erschrak; noch nie hatte sie so furchterregende Hände gesehen. Diese Hände hatten sich nun in das wallende Haar vergraben und es plötzlich zur Seite geteilt. Ein Frauengesicht, noch schrecklicher als diese Hände, wurde dem Licht ausgesetzt. Unter der blassen, bläulichen Haut zogen sich schwarze Adern hindurch und schienen das Gesicht in unzählige kleine Stücke zu zerteilen. Die Lippen waren totenblass, trocken und rissig und bildeten zahlreiche parallele, vertikale Linien. Besonders auffällig waren die Augen, unfassbar schwarz, vollständig mit Schwarz gefüllt, ohne einen Hauch von Weiß.
Der Besitzer dieses Gesichts stürzte sich direkt auf den Türspion und stieß ein scharfes, durchdringendes „Wuff Wuff“ aus. Zhao Na keuchte überrascht auf, lehnte sich gegen die Tür und ließ sich dann schlaff auf einen Stuhl fallen.
11
Zhao Na erwachte in den warmen Armen ihrer Mutter und fand sich auf dem Sofa liegend wieder. Fernseher und DVD-Player waren ausgeschaltet, und aus dem Badezimmer drang das Rauschen von fließendem Wasser.
„Oma, du weißt wirklich nicht, wie man auf sich selbst aufpasst“, schimpfte die Mutter und blickte auf ihre Tochter in ihren Armen hinab. „Wenn du vom Fernsehen müde bist, wasch dich und geh ins Bett. Warum schläfst du auf dem Sofa?“
"Mama, ich..." Zhao Nas Gedanken waren noch immer von der schrecklichen Szene von vorhin erfüllt, aber sie konnte sich nicht erklären, wie sie auf dem Sofa gelandet war.
"Okay, Oma, wenn dein Vater mit dem Duschen fertig ist, solltest du auch duschen und ins Bett gehen. Du wirst ja gerade erst wieder gesund und bist schon wieder so unvorsichtig, wirklich."
Zhao Na bekam von den aufgebrachten Vorwürfen ihrer Mutter kein Wort mit. Sie runzelte nur die Stirn und dachte über ihr traumähnliches Erlebnis nach. Letztendlich konnte sie es sich nur als Albtraum erklären. Vielleicht war es wirklich nur ein schlimmer Traum gewesen, den sie im Schlaf gehabt hatte. Bei diesem Gedanken fühlte sie sich erleichtert.
Zhao Na schlief die ganze Nacht tief und fest und wachte erst am nächsten Tag mittags auf. Nach dem Mittagessen langweilte sie sich ziemlich, da sie so viele Tage zu Hause eingesperrt gewesen war. Sie beschloss, am Nachmittag einkaufen zu gehen und sich ein paar neue Kleider zu kaufen; sie hatte sich schon lange keine neuen mehr gekauft.
Die Nachmittagssonne war herrlich warm und wohlig. Zhao Na verbrachte den Nachmittag allein mit Shoppen und kaufte sich ein oder zwei Outfits. Abends aß sie bei McDonald’s und fuhr mit dem Taxi nach Hause. Im Sicherheitsraum im ersten Stock saß ein junger, ihr unbekannter Wachmann; er war recht gutaussehend, mit buschigen Augenbrauen und großen Augen. Während sie auf den Aufzug wartete, konnte sie nicht anders, als ihn noch ein paar Mal anzusehen.
Mit einem leisen „Ding“ öffneten sich die Aufzugtüren. Zhao Na trat ein und drückte den Knopf für den zwanzigsten Stock. Nachdem sich die Türen geschlossen hatten, war sie allein im Aufzug. Ihr Spiegelbild spiegelte sich an allen vier Wänden. Sie war diese Art von Aufzug nicht gewohnt; es fühlte sich an, als wäre sie von kalten, unpersönlichen Menschen umgeben, die sie in einem engen Raum einschlossen.
Der Aufzug schien heute besonders langsam zu fahren, und ein Klicken über ihr machte sie ungeduldig. Zhao Na tippte leicht mit dem rechten Fuß auf den Boden, blickte auf die sich ändernden Zahlen auf der Anzeigetafel und betete innerlich, dass der Aufzug nicht ausfallen würde. Sie hatte das Gefühl, vielleicht eine leichte Klaustrophobie zu haben, da sie in so engen Räumen immer ein vages Unbehagen verspürte.
Das Leben ist oft unberechenbar; was wir am meisten fürchten, tritt oft am ehesten ein. Gerade als der Aufzug den achtzehnten Stock erreichte, ruckte er plötzlich heftig, gab ein seltsames Geräusch von sich und blieb dann abrupt stehen. Die Aufzugsbeleuchtung flackerte ein paar Mal auf und erlosch dann, nur ein schwaches Notlicht blieb zurück.
Stromausfall? Zhao Na überkam Panik. Verzweifelt stürzte sie sich gegen die stählerne Aufzugstür, hämmerte dagegen und schrie aus Leibeskräften: „Ist jemand draußen? Ich bin im Aufzug gefangen! Hilfe!“
Nachdem Zhao Na lange gerufen hatte, bis ihre Stimme heiser war, erhielt sie keine Antwort von draußen. Keuchend trat sie einen Schritt zurück, lehnte sich an die Aufzugwand und kramte in ihrer Tasche nach ihrem Handy. Ihre Eltern müssten jetzt Feierabend haben. Sie wählte ihre Nummer, doch bevor die Verbindung zustande kam, schaltete sich das Handy wegen des leeren Akkus ab. Mehrmals versuchte sie vergeblich, es wieder einzuschalten, und legte es schließlich frustriert weg. Ihr Blick fiel hilflos auf die Reihe der Aufzugsknöpfe, und erleichtert entdeckte sie den Not-Aus-Knopf. Ohne zu zögern drückte sie ihn fest.
Es kam keine Antwort. Zhao Na war völlig verzweifelt. Sie umklammerte die Papiertüte mit ihren Kleidern und setzte sich in eine Ecke des Aufzugs. Sie wusste nicht, wie lange sie wartete; die Luft im Aufzug wurde immer dünner, und ihr fiel das Atmen zunehmend schwer. Panik überkam sie, ihr wurde schwindelig und sie verlor die Orientierung. Leise hörte sie ein Geräusch von den Aufzugtüren. Überwältigt von Freude stand sie benommen auf und hämmerte schwach gegen die Türen: „Ist da jemand draußen? Hilfe! Hilfe!“
Die Aufzugtüren öffneten sich langsam. Ein stetiger Strom kühler Luft strömte herein. Zwei Hände umklammerten die Türangeln, als ob sie ungeheure Kraft aufwendeten; Adern traten auf ihren Handrücken hervor. Ein blassgrüner Lichtstrahl fiel auf Zhao Nas Gesicht und färbte ihren fahlen Teint unansehnlich gelblich-grün.
Die durch den Sauerstoffmangel verursachte Desorientierung hinderte Zhao Na daran, das grüne Licht zu hinterfragen. Ein benommenes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie zum offenen Türrahmen aufblickte. Der Aufzug hatte den achtzehnten Stock noch nicht erreicht; der Türrahmen war kaum einen Meter hoch. Lautlos glitt eine Hand nach unten und schwebte ruhig vor Zhao Nas Augen.
„Danke! Danke! Danke!“, murmelte Zhao Na ihren Dank und hob ihren rechten Arm, um die Hand fest zu umfassen, als fürchte sie, ihr Leben zu verlieren. Auch die Hand umklammerte Zhao Nas Handfläche mit geballten Fingern. Sie war eiskalt wie ein Block uralten Eises und ließ Zhao Na unwillkürlich erschaudern.
Mit fest geballten Fäusten begann die andere Hand, Kraft auszuüben und zog Zhao Na langsam hoch. Zhao Na konnte nun nach draußen sehen; es war stockfinster, bis auf ein grünes Licht hinter der Person, die sie zog und ihr sanft in die Augen schien. Sie konnte die Person nicht deutlich erkennen; es war nur eine verschwommene schwarze Gestalt mit langem, wallendem Haar – vermutlich eine Frau.
Zhao Na krallte sich mit der linken Hand in den Boden, die Kraft ließ ihr Gesicht rot anlaufen. Die Frau zog sie weiter, ihr Körper nach vorn geneigt. Ein kalter Atem streifte ihr Gesicht und trug einen schwachen, üblen Geruch nach verrottendem Fleisch mit sich. Sie runzelte die Stirn, als sie den Gestank ertrug und die Augen zusammenkniff, um das Gesicht der Frau zu erkennen.
„Hehehe … hast du alles gut gesehen?“, fragte die Frau plötzlich mit heiserer Stimme, wie eine rostige Säge, die über einen Stein kratzt. Von der Seite flackerte plötzlich ein grünes, unheimliches Licht auf, das einem noch kälter werden ließ.
„Ah –“ Endlich konnte Zhao Na das Gesicht der Frau deutlich erkennen. Der Schrecken in diesem Gesicht würde ihr ewig in Erinnerung bleiben. Es war dasselbe Gesicht wie gestern, dieser furchterregende Blick mit den Katzenaugen. Nun lag ein Lächeln auf dem Gesicht, doch es blieb ein einziges. Die schwarzen, tränenreichen Augen verrieten keinerlei Spur von Lachen, und eine tiefe Kälte ließ Zhao Nas Herz allmählich erstarren.
Das Lächeln verschwand abrupt aus dem Gesicht, und zwei schwarze Rauchwolken quollen aus den Augen, so dunkel, dass sie von jeder anderen Farbe verdeckt wurden. Zhao Na spürte ein Zuziehen um ihren Hals, wurde hochgeschleudert, fiel dann, wurde wieder hochgeschleudert und fiel erneut. Inmitten des ohrenbetäubenden Krachens wurden die Schreie leiser, die Aufzugskabine schwankte heftig, und die Stahlseile an der Decke ächzten vor Schmerz…