Ich wollte dich nicht erschrecken

Ich wollte dich nicht erschrecken

Veröffentlichungsdatum2026/06/11

Dateityptxt

KategorienMysteriös und übernatürlich

Gesamtkapitel11

Einführung:
1 Schönheit und Distanziertheit können in einer Person so perfekt vereint sein. Als Chen Yan in ihre Klasse kam, wanderten die Blicke aller Jungen ungehindert über ihren ganzen Körper. Lin Han machte da keine Ausnahme, doch er glaubte, sein Blick sei nicht so lüstern wie der der ande
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Kapitel 1

1

Schönheit und Distanziertheit können in einer Person so perfekt vereint sein.

Als Chen Yan in ihre Klasse kam, wanderten die Blicke aller Jungen ungehindert über ihren ganzen Körper. Lin Han machte da keine Ausnahme, doch er glaubte, sein Blick sei nicht so lüstern wie der der anderen. Alle anderen konzentrierten sich auf ihre straffen Brüste unter dem weißen T-Shirt und ihre langen, wohlgeformten Beine unter dem passenden weißen Minirock. Doch was ihm als Erstes auffiel, waren ihre Augen, die von Melancholie erfüllt waren, wie das schimmernde Mondlicht auf dem Grund eines klaren Sees.

Es war ein Spätsommernachmittag; der Himmel war klar blau, ohne eine einzige Wolke. Lin Hans zuvor so heitere Art wich plötzlich einer tiefen Melancholie in Chen Yans Augen.

Die Zeit vergeht wie im Flug, und der Spätsommer ist in den Spätherbst übergegangen. Verwelkte, gelbe Blätter hängen noch an den Zweigen und werfen nur widerwillig ihre Blätter ab, ihr letzter Tanz im kühlen Herbstwind. Fast zwei Monate sind vergangen, seit Chen Yan die Schule gewechselt hat, doch sie trägt immer noch Weiß und hält sich fern von den sehnsüchtigen Blicken der Jungen und den neidischen Blicken der Mädchen. Sie hat keine Freunde und spricht nie ein Wort mit jemandem. Egal in welcher Klasse, sie sitzt immer allein in der letzten Reihe, ihr Gesicht nach wie vor distanziert, ihre Augen voller Melancholie.

Chen Yan wohnte nicht im Schulwohnheim, sondern hatte ein Zimmer in einem Privathaus unweit der Schule gemietet. Lin Hans wachsende Sehnsucht ließ sich nicht länger nur dadurch stillen, dass er sie jeden Tag aus der Ferne beobachtete und während des Unterrichts immer wieder verstohlen nach hinten blickte. Schließlich beschloss er, ihr nach der Schule heimlich zu folgen, in der Hoffnung, eine passende Gelegenheit zu finden, ihr seine Gefühle zu gestehen.

Doch eine Chance nach der anderen entglitt Lin Han, und er konnte sie nie ergreifen. Hilflos musste er zusehen, wie Chen Yan die Tür aufstieß und ihre fast durchscheinend weiße Haut in den Schatten dahinter verschwand. Jedes dumpfe Zuschlagen der Tür verstärkte seine Enttäuschung und verursachte einen dumpfen Schmerz in seiner Brust.

Eines Abends, nach dem Abendessen, als er den immer beleidigenderen Gerüchten seiner Mitbewohner über Chen Yan lauschte, verließ Lin Han wütend das Wohnheim und ging in den Hörsaal. Die Pärchen, die sich im Schatten der Bäume auf dem Campus eng umschlungen hatten, hatten ihn gerade erst in seinen Gedanken geweckt und es ihm unmöglich gemacht, sich auf sein Lehrbuch zu konzentrieren. In seiner Vorstellung verwandelten sich diese Pärchen in ihn und Chen Yan. Er ließ ihr langes Haar sanft durch seine Finger gleiten; ihre langen, feuchten Wimpern zitterten und senkten sich leicht, sodass zwei dynamische Schatten auf ihre schneeweißen Wangen fielen; ihre Nasenflügel bebten leicht, und ihre warmen, roten Lippen verströmten einen ungeheuren Reiz.

Gerade als Lin Hans ausgetrocknete Lippen sich in seinen Tagträumen den beiden vollen, roten, verführerischen Brüsten näherten, störte eine leichte Unruhe die Stille des Klassenzimmers. Verärgert blickte Lin Han auf; eine blendend weiße Gestalt huschte vor seinen Augen vorbei, langes, wallendes Haar verströmte einen zarten Duft. Plötzlich stand Chen Yan vor ihm, was ihm die Röte ins Gesicht trieb und ihn sprachlos und verlegen zurückließ.

Chen Yan ignorierte Lin Han, ging kühl zu dem leeren Platz hinten im Klassenzimmer, setzte sich, holte ihr Lehrbuch heraus und begann eifrig zu lernen. Lin Han schluckte schwer und drehte sich heimlich um, doch ihr Gesicht war von ihren langen Haaren verdeckt. Nur ihre schönen Hände und schlanken Finger huschten leicht über die Seiten des Buches.

Seine Konzentration fiel ihm zunehmend schwerer, und die Zeit verging wie im Flug, während er heimlich zusah. Als er wieder aufblickte, waren nur noch Lin Han und Chen Yan im Klassenzimmer. Eine aufgeregte Stimme in Lin Han erinnerte ihn daran, dass dies eine einmalige Gelegenheit war, die er sich nicht noch einmal entgehen lassen durfte. Er wischte sich den Schweiß von den Handflächen an seiner rauen Jeans, nahm ein Englischbuch und ging nervös zu Chen Yan, doch sein Hals fühlte sich wie zugeschnürt an, und er brachte kein Wort heraus.

Chen Yan spürte, dass jemand neben ihr stand, und blickte aus dem Schatten Lin Hans auf, ihr Gesichtsausdruck blieb unverändert. Unter ihrem melancholischen, verträumten Blick hielt Lin Han den Atem an, seine aufgeregten Augen glitten unwillkürlich von ihrem unnatürlich blassen Gesicht zum tiefen Ausschnitt ihres weißen Pullovers. Ein kaum sichtbares Dekolleté ließ sein Herz rasen, sein Adamsapfel wippte heftig.

Chen Yan wandte den Blick gleichgültig ab, warf einen Blick auf ihre Brust, hob dann wieder die Lider, verzog die Lippen und sagte: „Wenn du mich liebst, spiel ein Spiel mit mir.“ Danach ignorierte sie Lin Hans Reaktion, nahm einen Stift, schrieb eine Zeile auf das Manuskriptpapier, riss es ab und legte es vorsichtig auf die Tischkante, packte ihren Rucksack und schritt anmutig an dem benommenen Lin Han vorbei, um das trapezförmige Klassenzimmer zu verlassen.

Es war das erste Mal, dass Lin Han Chen Yans Stimme hörte; sie klang zwar kalt, aber unbestreitbar melodisch. Als er schließlich aus seinen Tagträumen erwachte, angezogen von dieser bezaubernden, klangvollen Stimme, fand er sich allein und regungslos im grellen Licht der Neonröhren des riesigen, trapezförmigen Klassenzimmers wieder. Er drehte sich um, doch Chen Yan war verschwunden; es herrschte Totenstille. Er hob den Zettel auf, den sie ihm hinterlassen hatte, und spürte, wie seine linke Hand unkontrolliert zitterte.

Morgen Abend um 23:44 Uhr im großen Klassenzimmer im dritten Stock des Nordgebäudes.

Der dünne Papierstreifen schien von Chen Yans subtilem Duft durchdrungen zu sein, einem Duft, den kein Parfüm übertreffen konnte. Lin Han führte den Zettel an seine Nase und atmete gierig ein. Die schlichte, elegante Handschrift war wie Chen Yans Augen und offenbarte ein tiefes Geheimnis. Er hatte nicht erwartet, dass alles so reibungslos verlaufen würde, genau wie in jedem seiner Träume.

Obwohl das seit Langem verlassene Nordgebäude auf dem Campus als „Geistergebäude“ bekannt war und sich allerlei schaurige Legenden um es rankten, erschien Lin Han dieser verbotene Ort, den er sonst nie betreten würde, in diesem Moment plötzlich lieblich, wie das Paradies, nach dem sich alle sehnten. Er umklammerte den Zettel fest und wusste nicht einmal, wie er in sein Wohnheim zurückgefunden hatte.

2

Nach einer unruhigen Nacht waren Lin Hans Augen gerötet, und dunkle Ringe hatten sich um seine Unterlider gebildet. Als Chen Yan an ihm vorbeiging, blieb sie distanziert und unnahbar und starrte ihn direkt an, als wäre alles, was letzte Nacht geschehen war, nur ein schöner Traum für Lin Han gewesen.

Unruhig wartete Lin Han bis zum Einbruch der Dunkelheit, bevor das Licht im Wohnheim ausging, und schlüpfte dann aus seinem Zimmer. Er klopfte auf die Tasche, in der Chen Yans Zettel lag, und ging allein im kalten Mondlicht auf den Wäldchen zu, das das Nordgebäude vom Campus trennte. Am Rand des Wäldchens angekommen, blieb er plötzlich stehen. Ein Windhauch wehte, und die vom Mondlicht tiefschwarz gefärbten Bäume gaben seltsame, leise Pfeiftöne von sich, als weinten unzählige gequälte Seelen und beklagten ihr Unglück.

Sein Atem ging schwer, und Lin Han zuckte unwillkürlich zurück. Glänzende Schweißperlen auf seiner Nasenspitze reflektierten das Mondlicht und schimmerten hell. Das Betreten dieses Wäldchens, das als „Schwarzer Wald“ bekannt war, bedeutete, verbotenes Gebiet zu betreten. Eine furchterregende Legende, die schon lange an der Schule kursierte, schoss Lin Han wie ein Blitz in den Kopf, um die Atmosphäre noch zu verstärken.

Vor zwanzig Jahren soll sich ein Student im dritten Studienjahr unsterblich in eine Erstsemesterstudentin verliebt haben – die wunderschöne, von allen bewunderte Studentin des Campus. Nach unzähligen erfolglosen Versuchen, ihr Herz zu erobern, erstach der von Hass verzehrte Junge sie in einer mondhellen Herbstnacht im Nordgebäude. Anschließend stürzte er sich in einem Anfall von Raserei in den Hain und erhängte sich an einem Ast eines alten Robinienbaums.

Man erzählt sich, dass die jüngere Schülerin tot im großen Klassenzimmer im dritten Stock des Nordgebäudes gefunden wurde. Ihr siedendes Blut spritzte auf die blassen Leuchtstoffröhren und durchnässte den abgenutzten Holzboden. Der Schüler, der aus Schuldgefühlen Selbstmord begangen hatte, wurde erhängt an einem alten Robinienbaum gefunden. Sein Gesicht war blau angelaufen und von Blutergüssen gezeichnet, seine Augen traten hervor, und seine geschwollene Zunge reichte ihm fast bis zur Brust. Sein Körper, von der Schwerkraft in die Länge gezogen, wiegte sich sanft in der Abendbrise, das Seil rieb an den Ästen und erzeugte ein rhythmisches Knarren.

Von da an herrschte im Nordgebäude keine Ruhe mehr. Studenten berichteten oft von Begegnungen mit dem Geist der jüngeren Studentin während ihrer abendlichen Lernphasen, und einige sahen sogar Blut auf dem Boden des großen Hörsaals fließen. Auch flackerten die Lichter im Nordgebäude immer wieder unerklärlicherweise, und unzählige Menschen hatten das Weinen eines Mädchens gehört. Nicht nur das Nordgebäude, sondern auch der Hain, der einst als Paradies für Verliebte galt, wurde angeblich häufig von dem erhängten Jungen heimgesucht, der an einem alten Robinienbaum hing und knarrend hin und her schwankte, genau wie in der Nacht des Unglücks.

Die Geistergeschichten wurden immer abenteuerlicher, und die Schüler wagten sich nicht mehr ins Nordgebäude oder in den Hain. Nachdem die Schule es noch einige Jahre mühsam aufrechterhalten konnte, blieb ihr vor über zehn Jahren schließlich nichts anderes übrig, als das Nordgebäude aufzugeben. „Betretet das Sperrgebiet nicht leichtfertig“ – dies scheint eine ungeschriebene Schulregel geworden zu sein, die über Generationen weitergegeben wurde.

Sollte er hineingehen oder nicht? Lin Han zögerte und lief am Waldrand auf und ab, die Angst immer noch von ihm beherrscht. Nach langem Überlegen drehte er sich schließlich um, zu verängstigt, um weiterzugehen, und versuchte aufzugeben.

Der Wind wehte weiterhin unregelmäßig, und im klaren Mondlicht flackerten die Schatten des Hains. Eine dunkle Wolke zog vorbei, und die Nacht verdunkelte sich augenblicklich. Lin Hans erhobenes rechtes Bein blieb in der Luft hängen, sein Herz hämmerte unregelmäßig. Denn er hatte deutlich gespürt, wie ihn etwas leicht am Hals streifte, sobald er sich umgedreht hatte.

Sein ganzer Körper war von Gänsehaut bedeckt, seine Muskeln steif wie Stein. Lin Han wagte keinen Zentimeter zu rühren, stand auf einem Bein und blickte dem Unbekannten hinter ihm im Schatten der dunklen Wolken entgegen. Eine schwache Wärme ging von seiner linken Brust aus, und gleichzeitig kämpfte sich der Mond mühsam durch die Wolken und tauchte die Nacht erneut in sein klares Licht.

Im Licht spürte er weniger Angst. Lin Han legte seine schmerzenden Beine ab, die Wärme strahlte noch immer von seiner Brust aus. Überrascht zog er den Zettel, den Chen Yan ihm hinterlassen hatte, aus seiner Brusttasche. Noch bevor er den feuchten Zettel ganz auseinanderfalten konnte, veränderte er sich auf unglaubliche Weise. Er vergilbte rasch, wurde brüchig, und die schwarze Schrift verblasste bis zur Unkenntlichkeit.

Lin Hans Mund stand zu einem roten „O“ offen, als er hilflos zusah, wie das Papier in seiner Hand gräulich-schwarz wurde, Risse bekam und dann lautlos zu Asche zerfiel. Ein kalter Wind streifte sein Gesicht, und der schwarze Staub verwehte spurlos.

„Heiliger Strohsack, das kann doch nicht wahr sein? Träume ich?“ Lin Han schloss langsam seinen weit geöffneten Mund, biss sich dabei aber versehentlich auf die Zunge. Der stechende Schmerz riss ihn aus dem Schlaf und ließ ihn erkennen, dass er nicht träumte. Dieser Schmerz brachte einen völlig neuen Gedanken in ihm zum Vorschein: Eine Verschwörung, das muss eine Verschwörung sein.

„Oh nein, Chen Yan ist in Gefahr!“, rief Lin Han aus. Seine Sorge um Chen Yans Sicherheit überwog seine Angst. Er drehte sich abrupt um und stürmte ohne zu zögern in den Hain, um mit Höchstgeschwindigkeit auf das nördlich dahinterliegende Gebäude zuzulaufen.

3

Der Wind pfiff ihm um die Ohren, und die waagerechten Äste, wie geisterhafte Klauen, versuchten Lin Han aufzuhalten. Seine Gedanken kreisten nur noch um Chen Yan; die Angst war ihm völlig abhandengekommen, und nichts schien ihn mehr vom Laufen abhalten zu können. Scharfe Äste stachen ihm in die Wangen.

Mitten auf der Lichtung im Wald stand ein hoher, alter Robinienbaum, dessen Äste sich in alle Richtungen ausbreiteten und kalte Windböen hindurchtrieben. Lin Hans Herz zog sich zusammen, und obwohl er seinen Schritt nicht verlangsamte, wanderte sein Blick zaghaft zum dunklen Schatten des Baumes.

Der Wind schien immer stärker zu wehen, und das Rascheln aus allen Richtungen zerrte an Lin Hans Nerven. Um einen Ast, der mehr als einen Menschen hoch über dem Boden ragte, erschien ein schwaches grünes Leuchten, und ein Knarren übertönte alle anderen Geräusche. Ein schlanker, steifer menschlicher Körper wiegte sich im Wind hin und her.

Eine Legende?! Könnte die Legende wahr sein? Furcht überkam ihn, und Lin Han wagte es nicht, langsamer zu werden. Er hielt den Atem an und rannte davon. Ein unheilvolles Lachen umgab ihn, nicht laut, aber wie ein Blutegel, ließ es ihn nicht los.

Das Laufen war zu einer instinktiven, mechanischen Handlung geworden. Lin Han wagte es nicht mehr, das grüne Licht anzusehen. Er kniff die Augen zusammen und krümmte sich zusammen, als wolle er seine Geschwindigkeit erhöhen. Plötzlich spürte er, wie sich von hinten ein Seil um seinen Hals legte. Das Seil war rau, glitschig und kalt, als wäre es in Wasser getränkt gewesen.

„Nein!“ Eine wunderschöne Stimme erklang vom Himmel, kalt und doch voller Autorität. Das sich langsam spannende Seil löste sich plötzlich, und Lin Han stolperte und fiel zu Boden. Jahrelang angesammeltes Laub stützte seinen Körper, sodass er weder verletzt noch schmerzte. Er rappelte sich fast sofort wieder auf, doch bevor er festen Halt fand, ließ ihn eine große Angst einige Schritte zurücktaumeln, wobei sein Rücken hart gegen einen Baumstamm hinter ihm prallte.

Das eisige grüne Licht tauchte den Wald in kristallklares Licht. Das Seil, das sich eben noch um Lin Hans Hals gewickelt hatte, zog sich ruckartig zurück, und eine zähflüssige, bläulich-violette Flüssigkeit ergoss sich daraus. Mit einem einzigen Blick erkannte Lin Han, dass es gar kein Seil

……

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