Ye Chuhan starrte auf das zerknitterte Papier und war etwas verdutzt.
Schließlich bückte er sich langsam, hob das zerknitterte Papier auf und entfaltete es vor seinen Augen...
Auf dem schneeweißen Papier fiel ihm ein schwacher Tintenstrich ins Auge. Ye Chuhans Pupillen verengten sich plötzlich, und seine Finger umklammerten das Papier so fest, dass er es beinahe zerriss.
Bruder, wenn du das sehen willst...
Wenn ich den Hass in deinem Herzen überwinden kann, werde ich es nicht bereuen, selbst wenn ich durch deine Hand sterbe!
Seine Brust wurde augenblicklich von Entsetzen durchbohrt!
Ye Chuhan drehte sich plötzlich um und blickte auf die schlafende Ye Chuxue. Er umklammerte den Schneebrief fest, und das verstreute Licht in seinen Augen zitterte unkontrolliert wie die gebrochene Oberfläche von Wasser.
Im Dämmerlicht –
Ye Chuxues Gesicht war schneeweiß. Neun Jahre lang war er weder lebendig noch tot gewesen, er schlief wie eine Jadeskulptur. Sein langes schwarzes Haar fiel ihm bis zu den Wangen, und ein sanftes, ruhiges Lächeln lag noch immer auf seinen schmalen Lippen.
Ye Chuhans Körper schien wie erstarrt.
Er starrte auf Chuxues schlafendes Gesicht, ein metallischer Geschmack von Blut stieg ihm in den Hals, doch tief in seinem Herzen schien ein knackendes Geräusch widerzuhallen, als würde etwas Schweres grausam in Stücke zerspringen, um nie wieder geheilt zu werden...
Ich verstehe!
Ye Chuhan hielt den schneeweißen Brief in den Händen und verstand endlich –
Vor neun Jahren kehrte Ye Chuxue von Jiangnan zum Schneetor des Tianshan zurück und starb freiwillig durch seine Hand.
Er hatte geglaubt, Chu Xue wisse nicht, dass es sich um vergifteten Wein handelte, doch er hatte nie damit gerechnet, dass sie alles wusste. Sie sah den Hass in den Augen ihres Bruders und spürte den Groll in seinem Herzen.
Er wusste, dass er, egal was er sagte, seinen Bruder nicht dazu bringen konnte, den Hass in seinem Herzen loszulassen, denn sein Bruder, der sein Leben riskiert hatte, um aus der Wüste zurückzukehren, würde nie wieder jemandem vertrauen.
Also……
Die neunzehnjährige Chu Xue lächelte, als sie vor ihrem Bruder Chu Han den vergifteten Wein trank…
"Weißt du... ich habe dir ein Glas Gift eingeschenkt..."
Ye Chuhan umklammerte den schneebedeckten Zettel fest und starrte ausdruckslos auf Chuxues schlafendes Gesicht. Zitternd streckte er seine blasse Hand aus und legte sie auf das friedliche, warme Gesicht seines jüngeren Bruders…
Der unerträgliche Schmerz hatte sein ganzes Wesen erfasst...
Im schwachen Kerzenlicht.
Ye Chuhan starrte Chuxue aufmerksam ins Gesicht und unterdrückte hartnäckig die Trauer, die sie plötzlich überwältigt hatte. In ihren schmalen Augen wirkte das Licht wie Eiskristalle, einen Moment lang unerschütterlich.
Eine heisere, schmerzvolle Stimme, wie eine kalte, stumpfe Klinge, schnitt langsam durch sein gefrorenes Herz: „Obwohl du wusstest, dass ich dich vergiftet habe, hast du es trotzdem getrunken, du hast sogar gelächelt, während du es getrunken hast…“
Was für ein Vollidiot!
Ye Chuhan wurde von einer Welle der Verzweiflung und Trauer übermannt!
Der qualvolle Schmerz in diesem Augenblick war unerträglich; mein Herz brach und kochte vor Wut, und doch gab es niemanden, dem ich mich anvertrauen konnte!
In dem Moment, als das schneeweiße Papier lautlos aus seiner Hand fiel, rannen zwei Ströme heißer Tränen lautlos über sein schönes, blasses Gesicht, aus seinen schmalen, eleganten Augen…
Wir sind Brüder in diesem Leben, und unsere Verbundenheit wird auch im nächsten Leben fortbestehen!
Bruder, wenn du das sehen willst...
Ye Chuxue saß auf dem Steinstuhl, ihre eleganten Augen still geschlossen, ihr blasses Gesicht noch immer heiter und warm.
Der schlafende Erste Schnee, den sein eigener Bruder mit einem Becher vergifteten Weins in diesen Zustand versetzt hatte, trug noch immer ein so reines und unschuldiges Lächeln auf den Lippen...
Er……
Ich habe nie einen Groll gehegt...
Vor achtzehn Jahren, in jener mondbeschienenen Wüste, als sie von Banditen umzingelt waren, als sie hungerten und froren, als sie alle dachten, sie würden sterben.
Er umarmte seinen Zwillingsbruder fest: „Chuxue, hast du Angst zu sterben?“
Chu Xue blickte ihren Bruder Chu Han aufmerksam an. Unter seinen langen Wimpern blitzten seine Augen so klar wie Sternenlicht. Er wirkte etwas kindlich, antwortete aber bestimmt, Wort für Wort:
„Solange mein Bruder an meiner Seite bleibt, habe ich keine Angst vor dem Tod!“
Der erste Schnee, der neun Jahre lang geruht hat, ist nicht allein...
Da sein Bruder Chu Han zurückgekehrt ist, wird alles so sein wie in den Jahren seiner Wanderung durch die Wüste. Sein Bruder war immer an seiner Seite, deshalb wird er keine Angst haben und sich nicht einsam fühlen.
Ich werde nicht... traurig sein...
Im Inneren des kalten, stillen Steinhauses.
Ye Chuhan umarmte den kalten Körper seines Zwillingsbruders fest, genau wie damals, als er zehn Jahre alt war und seinen dünnen Bruder im Arm hielt und sich in den Mantel seines Vaters hüllte, um sich gegenseitig zu wärmen und Gesellschaft zu leisten...
Leben und Tod, Trennung und Abschied sind nur ein flüchtiger Augenblick.
Achtzehn Jahre später.
Angesichts des grausamen Laufs der Zeit, der eine so gewaltige Distanz geschaffen hatte, konnte Ye Chuhan, erfüllt von Reue, endlich wieder so intim sein, ihren gebrechlichen jüngeren Bruder, der selbst im Schlaf noch friedlich lächelte, ohne jeden Vorbehalt umarmen und hemmungslos weinen…