Am Ende gab es noch eine weitere versteckte Tür.
Kapitel 76, Absatz 5: Simulation (12)
Nachdem sich die verborgene Tür geöffnet hatte, ging Ling Yun nicht sofort hinein. Dahinter befand sich kein Durchgang, sondern ein pechschwarzer, tiefer Abgrund. Die Wandlampen endeten dort, und die Tiefe des Abgrunds war unbekannt; ein heftiger Wind schien aus dem Boden aufzuwirbeln.
Ling Yun warf einen kurzen Blick darauf und sprang dann ohne zu zögern hinunter. Die Grube war über zehn Meter tief, und ihr Grund schien sich in der Mitte eines kreuzenden Durchgangs zu befinden. Sie wirkte nicht gefährlich.
Es landete federleicht auf dem mit schwarzen Steinen bedeckten Boden. Ling Yun spürte plötzlich ein Engegefühl in der Brust, und sein Blut schoss ihm in die Adern. Es stieg ihm in den Hals, doch nachdem er es lange Zeit mühsam unterdrückt hatte, schluckte er es schließlich hinunter.
Sein Blut barg eine unvergleichliche Energie und Hitze; jeder Atemzug bedeutete einen Verlust. In diesem kritischen Moment wagte Ling Yun es nicht, auch nur einen Tropfen Energie zu verschwenden. Doch seine rasend schnell arbeitenden Organe erinnerten ihn daran, dass seine verbleibenden Kräfte kritisch niedrig waren. Er durfte seine Lebenskraft keinesfalls überstrapazieren; andernfalls würde Ling Yun schwächer werden und sterben.
Auf Ling Yuns ursprünglich makelloser Stirn bildeten sich plötzlich mehrere tiefe Falten, wodurch er um einige Jahre älter aussah.
Dutzende telekinetische Silberfäden verwebten sich plötzlich zu einem kaum wahrnehmbaren, transparenten Netz, das sich in vier Kapitel verwandelte und Lingyun wie einen Käfig an der Kreuzung des Durchgangs versiegelte.
Ein ohrenbetäubendes Summen erfüllte die Luft, wie das Dröhnen der Propeller eines Hubschraubers, die mit voller Kraft laufen.
Unzählige handtellergroße, fliegende Skelette näherten sich Ling Yun rasch aus vier Richtungen des Ganges. Ihre Körper, ebenfalls vollständig aus Skeletten bestehend, ähnelten denen von Bienen, mit je zwei Paaren dünner, zikadenflügelartiger Knochenflügel, die jeweils nur halb so lang wie ein Zeigefinger waren. Vor ihren langen, spitzen, rautenförmigen Schädeln befanden sich zwei Paar Facettenaugen, die ein unheimliches rotes Leuchten ausstrahlten. Scharfe Knochenstacheln ragten aus ihren knöchernen Mundwerkzeugen, die die Hälfte ihrer Köpfe einnahmen; Ling Yun war sich sicher, dass diese Stacheln einen Baumstamm von gleicher Dicke durchbohren konnten.
Das fliegende Skelettwesen besaß offensichtlich keinerlei Intelligenz und stürzte sich furchtlos auf die fast transparenten Silberfäden, die aus dem mentalen Energiefeld entstanden waren. Schon bald wurde sein handtellergroßer Körper von den unglaublich scharfen Silberfäden in unzählige Fragmente zerteilt. Das Netz aus Silberfäden funktionierte wie eine Schneidemaschine und wartete nur darauf, dass seine Beute zuschlug.
Dies war eine weitere neue Technik, die Ling Yun nach Erreichen der fünften Simulationsphase entwickelt hatte: die Konzentration der Telekinese auf Schnittlinien von nur einem Bruchteil eines Millimeters Durchmesser. Nur Ling Yuns meisterhafte Kontrolle ermöglichte dies. Obwohl er kein weiteres Spezialtraining in Telekinese erhalten hatte, war seine Kontrolle, ohne dass er es selbst bemerkte, noch verfeinert worden.
Bald verstummte das Summen und es herrschte Totenstille. Ling Yun stand am Eingang des Kreuzgangs und blickte fassungslos in alle vier Richtungen, während er die verstreuten Knochenfragmente betrachtete und zum ersten Mal zögerte. Obwohl die Enden der Gänge im Dunkeln lagen, konnte Ling Yun deutlich erkennen, dass sich jeder Gang über Tausende von Metern geradlinig erstreckte und zu einer identisch aussehenden, verborgenen Tür führte.
Durch welche Geheimtür sollten sie gehen? Das war Ling Yuns Frage.
Plötzlich hallten unzählige Klagelaute und Heulen durch den Gang. Ling Yun bemerkte, dass die Wände zu beiden Seiten der Gänge nicht massiv waren. Stattdessen befand sich alle paar Meter entlang der dicken Mauern eine gefängnisartige Öffnung, vor der ein eierdicker Eisenzaun stand. Der Zaun war vollständig verschweißt und hatte keine Türen. Hinter jeder Öffnung befand sich ein seltsam geformtes und extrem wildes Wesen.
Unzählige Kreaturen umklammerten die kalten Eisenstangen mit ihren seltsamen, riesigen Händen, schüttelten sie heftig und stießen furchterregende Gebrüll aus.
Mit einem Zischen öffneten sich die großen Türen an den Enden dreier Gänge. Hinter den dunklen Türen erschien, begleitet von schweren Schritten, die den Boden erzittern ließen, eine kolossale Gestalt, gut fünf Meter hoch. Ihre meterlangen, blauschwarzen Füße stampften auf den harten, schwarzen Stein, der daraufhin augenblicklich riss und zerbröckelte.
Seine Arme, bedeckt mit schwarzem Haar wie das eines Gibbons, reichten bis zu den Knien. Sein massiger Körper, so robust wie ein Felsbrocken, bot kaum Platz für vier Personen nebeneinander in dem Durchgang; seine breiten, dunkelblauen Schultern konnten sie nur mit Mühe tragen. Seine Schultern schrammten an den Steinwänden des Durchgangs entlang und erzeugten dabei eine Spur heller Funken; kleine Steinsplitter lösten sich unaufhörlich von den Wänden.
Sein riesiger, glänzender, kahler Kopf war völlig haarlos, und sein abscheuliches, groteskes Gesicht hatte die Größe eines Waschbeckens. In der Mitte seines Gesichts befand sich eine hochgewölbte, schweineartige Schnauze und ein zahnloses Maul, aus dem unaufhörlich widerlicher grüner Speichel tropfte. Die obere Hälfte seines Gesichts bestand aus einem einzigen, faustgroßen Auge, von dem schwaches violettes Licht konzentrische Heiligenscheine ausstrahlte.
Ling Yuns Pupillen verengten sich leicht. Ein Zyklop? Er hatte noch nie ein so seltsames Wesen gesehen, aber es wirkte ziemlich furchterregend.
Die Schnauze des Zyklopen klapperte laut. Alle drei Riesen schienen ein aufbrausendes Temperament zu haben. Als der Zyklop das Gebrüll der Kreaturen zu beiden Seiten hörte, wurde er ungeduldig. Angesichts einiger rücksichtsloser und unnachgiebiger Wesen stellte er sich einfach vor die Gitterstäbe. Sein einziges Auge leuchtete hell in violettem Licht. Nach ein paar Blitzen schoss plötzlich ein violetter Strahl aus seinem Auge und traf die verschiedenen mächtigen Kreaturen im Gefängnis. Nach einer Reihe entsetzlicher Schreie kehrte schnell Stille im Gefängnis ein.
Offenbar aus Furcht vor der Macht des einzelnen Auges des Zyklopen verstummten die Schreie der gefangenen Kreaturen rasch und wurden durch klägliches Wimmern ersetzt. Viele blieben stumm. Doch es war offensichtlich, dass die Zyklopen unberechenbar waren; als sie sich Ling Yun näherten, zerrissen sie unerklärlicherweise und plötzlich mit ihren riesigen Händen ein Stück Eisenscheune so leicht wie Papier, zerfetzten dann die zitternde, jämmerliche Kreatur darin in mehrere Stücke, stopften sich die Überreste in die Mäuler und zerkauten sie.
Die Geheimtür des einzigen Durchgangs, durch den der Zyklop noch nicht aufgetaucht war, öffnete sich und gab den Blick auf ein völlig dunkles Inneres frei. Dies bedeutete, dass Ling Yun nur diesen einen Weg hatte.
Ling Yun holte tief Luft, und dann flog sein Körper plötzlich empor und stürzte sich wie eine Kanonenkugel auf einen einäugigen Riesen hinter ihm zu.
Er wählte nicht die geheime Tür im Durchgang, die eigens für ihn geöffnet worden war. Obwohl der Zyklop gefährlich aussah, war er noch immer sichtbar. Unbekannte Gefahren sind oft die furchterregendsten. Daher war es weitaus besser, eine der drei vom Zyklopen bewachten Geheimtüren zu wählen, als die unbewachte.
Drei violette Strahlen, jeder so dick wie ein Finger, kreuzten sich und trafen genau dort, wo Ling Yun eben noch gestanden hatte. Drei Krater, jeder zwei Meter tief und einen Meter im Durchmesser, rissen mit einem lauten Knall auf. Ling Yun stöhnte plötzlich auf. Der violette Strahl, der aus dem einzigen Auge des einäugigen Riesen vor ihm hervorgeschossen war, hatte seinen Körper tatsächlich durchbohrt. Der heftige, brennende Schmerz ließ Ling Yun beinahe ohnmächtig werden.
Doch Ling Yun wurde nicht langsamer, sondern legte sogar noch einen Zahn zu.
Mit einem dumpfen Aufprall, wie ein Speer, der eine Trommel aus ölgetränktem, altem Kuhleder durchbohrt, stolperte Ling Yun, bedeckt mit einem verschwommenen Klumpen aus schmutzigem Fleisch und Innereienresten, und krachte durch die schwere, verborgene Tür. Im selben Augenblick, als er den Zyklopen passierte, wurde ihm schwindlig und er wäre beinahe ohnmächtig geworden.
Der Riese starrte fassungslos auf das klaffende, blutige Loch in seinem Bauch, der hart wie Stahl war. Zersplitterte Innereien und Fleischstücke fielen unaufhörlich aus der Wunde. Man konnte sogar deutlich eine kleine Gestalt durch die Vorderseite seines Bauches erkennen, die in einer verborgenen Tür hinter ihm verschwand.
Der Zyklop brüllte gen Himmel, sein einziges Auge erstrahlte augenblicklich in violettem Licht. Laserstrahlen, wie Maschinengewehrfeuer, prasselten auf die Wände und Öffnungen des Ganges nieder. Unzählige Kreaturen starben im Kreuzfeuer und schrien, als sie von den Strahlen zu Staub zermahlen wurden.
Mit einem ohrenbetäubenden Krachen stürzte der von Wut und Groll erfüllte Baumstammriese schließlich schwer zu Boden und wirbelte unzählige Steinsplitter und Staub auf.
Kapitel 77, Absatz 5: Simulation (13)
Ling Yun rappelte sich mühsam auf, ein silbernes Licht blitzte aus seinem spirituellen Energiefeld auf, und schüttelte augenblicklich die Fleisch- und Blutfetzen ab, die seinen Körper bedeckten. Der Junge war wieder sauber, doch seine blutleeren Lippen und sein faltiges Gesicht verrieten seinen wahren Zustand.
Der junge Mann, dessen Lebenskraft längst erschöpft war, konnte nicht mehr sicher stehen. Schwach und langsam ließ er sich zu Boden sinken. Seine einst glatte und elastische Haut erschlaffte und alterte sichtbar schnell. Im Nu schien Ling Yun um Jahrzehnte gealtert zu sein.
Das Leben entglitt ihm, und der Sinn dieser Reise schien weiterhin unergründlich. Ling Yun war am Ende seiner Kräfte; würde die fortgeschrittene Simulation, bei der man Level überspringen konnte, wirklich so schwierig sein?
Die verborgene Tür schloss sich langsam. Dahinter befand sich offenbar ein leeres Steinhaus.
Ling Yun schien ein schweres Atmen zu hören und erschrak. Plötzlich wurde der Raum von hellem Licht erfüllt, und das sanfte, aber dennoch helle Licht, das von den Wänden und dem Dach ausging, erhellte im Nu das gesamte Steinhaus.
Das Steinhaus war nicht sehr groß, etwa dreißig Quadratmeter. Es war völlig leer, bis auf einen Haufen unglaublich schwerer Ketten in einer Ecke. Die Ketten sahen so dick wie ein Oberschenkel aus. Als Ling Yun an den einäugigen Riesen draußen dachte, schien er etwas zu verstehen. Vielleicht sollten diese Ketten den Riesen fesseln, aber aus irgendeinem Grund hatte er sich befreit.
Langsam stand Ling Yun auf und ging auf die verborgene Tür zu, die dem Steinhaus gegenüberlag. Offenbar handelte es sich um eine Suite, denn auf der anderen Seite der Steinhausmauer befand sich eine weitere verborgene Tür.
Es schien, als würde etwas Ling Yun mit einer Stimme, die nur die Seele hören konnte, ins Innere locken. Beim Vernehmen dieses traumartigen Rufes schöpfte Ling Yun plötzlich neue Kraft und stieß die verborgene Tür auf.
Hinter der verborgenen Tür befand sich ein geräumiger und hell erleuchteter Raum. Unzählige Glühwürmchen, jedes so groß wie ein Teller, bewegten sich langsam in über zehn Metern Höhe und strahlten ein helles, silbrig-weißes Licht aus.
Eine schwarze Säule mit fünf Metern Durchmesser ragte endlos in die Höhe, und selbst mit Ling Yuns scharfem Blick konnte er ihr Ende nicht erkennen. Sie schien kein Ende zu haben.
Ein wunderschönes kleines Mädchen war mit silbernen Ketten an eine schwarze Säule gefesselt. Ling Yun bemerkte, dass die Ketten durch das Schlüsselbein des Mädchens verliefen und sich dort kreuzten, um sie an die Säule zu binden und so eine Befreiung zu verhindern. Das Mädchen schien bewusstlos geworden zu sein; nur ein leichtes Zucken ihrer Lippen verriet, dass sie noch lebte.
Doch ihre rote Stirn und die trockenen Lippen zeugten von hohem Fieber. Blutspuren waren dort zu sehen, wo die Silberkette ihre Schulter durchbohrt hatte, und gelegentlich sickerte purpurschwarzes Blut aus der Wunde.
Neben dem Mädchen stand eine menschenähnliche Kreatur, etwa so groß wie Ling Yun. Doch sowohl die gebogenen Eisenhörner auf ihrem höckerigen grünen Kopf als auch ihr aufgerissenes Maul voller Reißzähne bewiesen, dass die Kreatur alles andere als menschlich war. Hinter ihrer blassgrünen Haut verbargen sich fleischige Flügelpaare, die von schwarzem Periost bedeckt waren und bedrohlich in der Luft schlugen und heftige, kalte Winde erzeugten.
Dämon?
In dem Moment, als Ling Yun dieses furchterregende Wesen zum ersten Mal sah, schoss ihm der vertraute Name in den Sinn.
Obwohl der Dämon im Vergleich zu furchterregenden humanoiden Kreaturen, der schrecklichen Medusa und dem abstoßenden Riesen relativ harmlos wirkte, war er dennoch alles andere als ansehnlich. Doch nach ständigen Begegnungen mit bizarren Wesen hatte Ling Yun eine ausgeprägte Fähigkeit entwickelt, sich an das Aussehen des Dämons anzupassen; zumindest dieser, der über menschliche Intelligenz zu verfügen schien, wirkte nicht mehr so furchteinflößend.
"Ling Yun, du bist endlich gekommen." Der Dämon öffnete langsam den Mund und sagte es mit einer tiefen, angenehmen Stimme, die einen magnetischen Klang hatte.
Überraschung huschte über das Gesicht des Jungen, das nun faltig war wie das eines alten Mannes: „Du weißt, wer ich bin?“