Túnica blanca - Capítulo 47

Capítulo 47

„Die Persönlichkeit eines Menschen wird durch die Tyrannei der Gewalt über lange Zeit verzerrt. Hinzu kommt, dass sie über zehn Jahre lang keine Möglichkeit hatte, Hilfe zu suchen, außer stillschweigend zu ertragen. Ich glaube, dass sie, sobald sie hier ist, langsam wieder zu sich selbst zurückfinden wird. Wuji, ich muss Sie in dieser Angelegenheit wirklich bitten. Ich bin Ihnen so dankbar, dass Sie bereit sind, meine Mutter aufzunehmen.“

Huan'er blickte Wuji ernst an und dankte ihm feierlich. Sie verdankte Yu Niang so viel, und es war nur recht und billig, dass diese ihr den Rest ihres Lebens regelte.

Shi Wuji berührte ihre Lippen. Er schüttelte den Kopf.

„Sag sowas nicht, ich höre das nicht gern. Das ist zu förmlich, ich bin schließlich dein Ehemann.“

Huan'er setzte sich daraufhin auf seinen Schoß und schmiegte sich lächelnd an ihn.

„Mach ein Nickerchen. Deine Mutter hat schon alles vorbereitet.“ Sie stand auf, hob Huan'er hoch und trug sie in das Innere des Zimmers.

Er legte sie auf das Bett, zog die Decke hoch und wollte gerade gehen, als Huan'er seine Hand ergriff.

„Ich muss mit dir reden.“ Sie wusste, dass er wieder viel mit der Arbeit zu tun haben würde.

„Huan'er, du anhängliches kleines Ding, du bist ja schon fast Mutter.“ In letzter Zeit flüstert Shi Wuji ihr immer wieder liebevolle Worte ins Ohr, was sie sehr genießt. Besonders gern nutzt sie seine hilflose, aber zärtliche Art aus, um ihre anhänglichen Pläne umzusetzen. Schließlich hört der Dienst nie auf, was macht da schon eine kleine Pause aus?

Shi Wuji lag halb zurückgelehnt, vollständig bekleidet, auf der Bettkante, Huan'er hatte ihren Kopf in seinem Schoß gebettet. Sanft strich er ihr mit einer Hand über das Haar und sprach leise und immer wieder mit ihr, bis Huan'ers Augenlider schwer wurden und ihr Atem ruhig wurde. Erst als er sicher war, dass sie schlief, legte er sie vorsichtig hin, stand auf und deckte sie zu. Als er ihr schwaches Lächeln sah, betrachtete er sie lange voller Zuneigung, bevor er sich lautlos davonschlich, um sie nicht zu wecken.

Das Werk darf ohne die Zustimmung des Urhebers nicht für kommerzielle Zwecke genutzt werden; andernfalls trägt der Urheber die Konsequenzen.

Huan'er betrachtete Yu Niang nachdenklich, die neben ihr still stickte. Manchmal stickte sie weiter, manchmal hielt sie inne und starrte eine Weile gedankenverloren vor sich hin. Mal spiegelte sich Verwirrung in ihrem Gesicht wider, mal ein Erröten, mal Unbehagen.

In den fünf Tagen seit ihrer Ankunft in der Festung Aolong hat Yu Niang bemerkenswerte Fortschritte gemacht: von anfänglicher Ängstlichkeit über Vorsicht hin zu völliger Furchtlosigkeit. Dank der liebevollen Fürsorge aller hat Yu Niang den Charme und die Schönheit entwickelt, die man von einer 37-jährigen Frau erwartet. Obwohl sie immer noch schüchtern ist, weint sie nicht mehr so leicht und ist auch nicht mehr ständig in Angst vor Schikanen; manchmal lacht sie sogar fröhlich. Alles deutet auf ein gutes Zeichen hin, aber was mag Yu Niang wohl in diesem Moment denken?

Huan'ers Beobachtung zufolge hegte Yu Niang eine unerklärliche Angst vor Männern. In den ersten ein, zwei Tagen nach ihrer Ankunft fürchtete sie sich so sehr vor Leng Ziyang, dass sie beinahe in Ohnmacht fiel. Sie fürchtete die großen, kräftigen Körper der Männer aus dem Norden; sollte sie einen von ihnen verärgern, wäre ihr zarter Körper seinen kräftigen Fäusten nicht gewachsen! Das war die tiefste Wunde, die Su Guangping ihr zugefügt hatte. Leng Ziyang hatte Yu Niangs fast schon krankhafte Angst vor Männern schon lange bemerkt und deshalb zwei Dienerinnen für sie im Gästehof abgestellt und männlichen Bediensteten strengstens verboten, sich ihr zu nähern. Leng Ziyangs Residenz, Xingyuan, lag praktischerweise direkt gegenüber dem Gästehof, und er suchte sich zudem Gelegenheiten, unbemerkt von Yu Niang ein- und auszugehen.

Yu Niang musste Angst vor Onkel Leng haben! Huan'er verstand das, aber sie hatten seit dem frühen Morgen unter dem Banyanbaum im Gästehof gesessen, gestickt und sich unterhalten, und ihr war nichts Ungewöhnliches an Yu Niang aufgefallen. Warum hatte sich Yu Niangs Gesichtsausdruck verändert, nachdem Onkel Leng den Aprikosenhof betreten und ihn dann eilig wieder verlassen hatte? Huan'er war sich sicher, dass sie beobachtet hatte, wie Yu Niang Leng Ziyang verstohlen ansah und dann beim Gespräch mit ihr abwesend wirkte, ihre Augen der verschwindenden Gestalt nachblickten, als hätte sie etwas verloren.

Der fast fünfzigjährige Leng Ziyang, ein Kampfkünstler, hatte nicht nur seine gute körperliche Verfassung bewahrt, sondern war auch so robust und muskulös wie ein junger Mann. Seine Persönlichkeit glich der von Leng Gang – kühl, wortkarg, aber sehr rücksichtsvoll. Seit vielen Jahren verwitwet, hegte er keinerlei Absicht, wieder zu heiraten, entsagte Alkohol und Frauen und lebte wie ein Puritaner, so distanziert und verschlossen, dass sich niemand zu ihm traute.

Hatte Yu Niang Gefühle für Leng Ziyang? Huan'er fragte sich das immer wieder. Wenn ja, wäre das gut so; Yu Niang war erst siebenunddreißig, wunderschön und außergewöhnlich, und es wäre unmenschlich, sie den Rest ihres Lebens allein verbringen zu lassen. In Huan'ers Augen war Onkel Leng zwar kein Mann, der etwas von Romantik verstand, aber er war ein guter Mann, auf den sie sich ein Leben lang verlassen konnte. Yu Niang hatte die erste Hälfte ihres Lebens in der Hölle verbracht; jemanden zu haben, auf den sie sich verlassen konnte und der sie in der zweiten Hälfte liebte, würde genügen, um das erlittene Leid wiedergutzumachen.

Aber würde Leng Ziyang zustimmen?

Was ist zu tun? Leng Ziyang wirkt zurückgezogen und distanziert. Er hat seit vielen Jahren nicht wieder geheiratet, vielleicht weil er Frau und Kinder als Belastung empfindet. Wäre es angebracht, sich mit den beiden zufriedenzugeben?

Gerade als sie in tiefe Gedanken versunken waren, sahen sie Shi Wuji in den Gästehof gehen und direkt auf sie zukommen.

Yu Niang zog Huan'er schnell hoch, sodass er respektvoll zum Gruß aufstand.

„Sie brauchen nicht aufzustehen, Sie sind beschäftigt. Ich bringe Huan'er zurück in den Lan-Hof.“ Shi Wuji begrüßte Yu Niang höflich und half Huan'er anschließend aus dem Gästehof.

„Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte Huan'er. Wollte er ihr etwa schon wieder Ruhe verordnen? Sie rümpfte die Nase. Sie hatte es satt, dass Shi Wuji ihr ständig sagte, sie solle sich ausruhen und schlafen. Jedes Mal, wenn sie aufwachte, fühlte sie sich elend. Sie sollte sich mal die Zeit nehmen, Leng Gang dazu zu bringen, Wuji eines klarzumachen: Schwangere Frauen brauchen moderate Bewegung und dürfen nicht den ganzen Tag wie Kranke im Bett liegen.

„Lass mich dir etwas zeigen.“ Shi Wuji lächelte geheimnisvoll.

Als er eben im Pflaumenblütenhof die Jadehaarnadel in Wuxias Haar sah, wurde ihm seine Nachlässigkeit bewusst. Huan'er trug überhaupt keinen Schmuck; wie konnte die würdevolle älteste Schwiegertochter der Shi-Familie da nicht jämmerlich schäbig aussehen? Auf dem Schminktisch im Orchideenhof stand ein Schmuckkästchen, gefüllt mit allerlei Schmuck, doch Huan'er hatte es nie benutzt, sondern nur ein paar Perlen herausgenommen und damit wie mit Murmeln gespielt. Auf die Frage, was sie damit anfangen solle, antwortete sie: „Vulgär.“ Auch Wuxia besaß einige Schmuckstücke, besonders seit ihrer Hochzeit; Huan'er hatte für sie als Mitgift den Schatz der seltenen Schätze geplündert, doch Wuxia hatte sie nie getragen. Warum war ausgerechnet diese gewöhnliche Jadehaarnadel das einzige Schmuckstück, das Wuxia so schätzte? Wie sich herausstellte, hatte Leng Gang sie ihr geschenkt. Das erinnerte Shi Wuji daran, dass er Huan'er nie wirklich etwas geschenkt hatte.

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