Der gelbe Himmel verdunkelte sich allmählich, und die hellgelben Wolken färbten sich pechschwarz. Obwohl es bereits Morgen war, war es finsterer als Mitternacht. Dichter, schwarzer Nebel wirbelte wie gespenstische Energie umher, und die Blitze leuchteten in einem tragischen Blutrot.
Das leuchtende Rot war außerordentlich blendend und durchbrach die wogenden dämonischen Wolken mit furchterregenden blutroten Lichtstreifen, wie reißende Blutströme, die vom Himmel zur Erde herabstürzen und diese dunkle Welt absolut finster und entsetzlich erscheinen lassen.
Das gewaltige, weiße Meer aus Knochen war von Yin-Energie erfüllt, doch es verblasste angesichts der unheimlichen, darin verborgenen antiken Stadt. Die göttliche Stele im Zentrum des Knochenmeeres war spurlos verschwunden, und vielleicht hatte sich die Fläche dieses Meeres durch das Auftauchen der antiken Stadt dramatisch vergrößert.
Am dunklen Himmel zuckte ein blendender, furchterregender Blitz, dessen Aufblitzen deutlich zu sehen waren. Die sintflutartigen Regentropfen aber hatten sich purpurrot gefärbt. Der Gestank von Blut lag in der Luft; ein blutroter Vorhang hing zwischen Himmel und Erde, die Regentropfen hatten sich in Blut verwandelt!
Das war so furchterregend und beängstigend, dass viele Bewohner der Dracheninsel nach Luft schnappten. Sie spürten ein Kribbeln auf der Kopfhaut, ein Zittern im Rücken und eine Gänsehaut, während ihnen ein Schauer über den Rücken lief.
Die antike Stadt mit ihren über hundert Meter hohen Mauern verströmt nicht nur eine uralte, verwitterte Aura, sondern wirkt nach dem Blutregen auch unglaublich unheimlich. Sie gleicht einem riesigen, wilden Ungeheuer, das seit Urzeiten den Himmel durchbrach, dessen bedrohliche Ausstrahlung einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.
Auf dem Stadttorturm ist ein massives Gebilde eingelassen, das ihn offenbar zum Einsturz bringen will. An den umliegenden alten Stadtmauern zeigen sich gewaltige Risse, und das Haupttor selbst ist schwer beschädigt. Offenbar wurde die Stadt einst angegriffen, aber von einer unheimlichen schwarzen Mauer zurückgehalten.
Der purpurrote Blutregen prasselte weiter, und durch die weit geöffneten Stadttore konnte man die himmlischen, geisterhaften Soldaten in ihren antiken Rüstungen deutlich erkennen. Sie waren blutbefleckt, ihre schattenhaften Gestalten besonders furchterregend.
Geraten Sie in Panik?
Lu Daoren fragte Xiao Chen, der daneben stand.
„Ich bin etwas panisch.“
Xiao Chen sprach offen und ehrlich.
Der Mönch Yizhen, der etwas abseits stand, nickte ebenfalls; auch er war ein wenig verlegen.
„Eigentlich besteht überhaupt kein Grund zur Panik; so ist es auch.“
Lu Daoren betrat als Erster die Tote Stadt. Xiao Chen und Mönch Yizhen zögerten einen Moment, bevor sie Lu Daoren in die Tote Stadt folgten.
Sie schienen in einer anderen Dimension zu wandeln, und die toten Soldaten am Wegesrand schienen Lu Daoren und seine Gruppe völlig zu ignorieren.
Vor ihnen hallte das Tosen eines reißenden Flusses wider, begleitet von einer bedrohlichen Aura und einem stechenden, blutigen Gestank. Purpurroter Nebel wirbelte auf, und ein reißender Strom aus Blut ergoss sich über das Land.
„Der Fluss aus Blut ist der Weg.“
Mit einer Handbewegung ließ Lu Daoren die Gestalt des Blutflusses verschwinden. Was Xiao Chen nun sah, waren chaotische Dao-Muster, die jedoch nicht so furchterregend wirkten wie der Blutfluss selbst.
Sein Herz beruhigte sich allmählich.
Lu Daoren ging weiter. Über den reißenden Blutstrom führte alle paar Meter eine Steinbrücke. Die uralten Brücken waren mit Göttern, Dämonen und Monstern verziert und vom Frost der Zeit gezeichnet, als wollten sie den Menschen etwas offenbaren.
Auf jeder Steinbrücke liegen außerdem verstreute Knochen, die jedoch fast alle durch die Verwitterung, vermutlich aufgrund des Zeitablaufs, verschwunden sind.
„Auch weiße Knochen sind der Dao.“
Lu Daoren sprach erneut.
In Xiao Chens Augen verwandelten sich die riesigen Skelette in andere Dao-Muster, die sich etwas von den Dao-Mustern unterschieden, die vom Blutstrom gebildet wurden.
Obwohl Xiao Chen diese schrecklichen Dinge nicht sehen konnte, stiegen einige Gedanken in ihm auf.
Ist das alles wirklich der Tao?
Wie können sowohl Gutes als auch Schlechtes Teil des Tao sein?
Was ist also das Tao?
„Das Tao ist die Wurzel von allem in der Welt. Gut ist Tao, böse ist Tao. Genauer gesagt, kennt das Tao kein Gut und Böse, nur das Gute und Böse in den Herzen der Menschen. Wenn du alle Erscheinungen der Welt durchschauen kannst, erreicht dein Tao eine neue Ebene.“
Sagte Lu Daoren gemächlich.
In seinen Augen unterscheiden sich Schönheiten nicht von Parasiten, da beide dem Tao angehören und sich ineinander verwandeln können.
Doch in den Augen von Xiao Chen, der noch immer nicht in der Lage war, die profane Welt zu transzendieren, bestand immer noch ein bedeutender Unterschied zwischen den beiden.
Und diese weißen Knochen, die extrem furchterregend aussehen, können durch Lu Daorens Reinkarnationstechnik wiedergeboren werden und sich schließlich in einen gutaussehenden Mann oder eine schöne Frau in dieser Welt verwandeln...
Xiao Chen war verwirrt, aber Mönch Yizhen schien etwas zu verstehen.
Es gibt kein Selbst, keine Person und kein empfindungsfähiges Wesen.
Nur indem man die äußeren Erscheinungen überwindet, kann man sein Kultivierungsniveau erhöhen.
Die Welt dieses Taoisten ist wahrlich tiefgründig; selbst der Buddha selbst ist ihm wohl nur bedingt ebenbürtig.
Während Lu Daoren seinen Weg fortsetzte, stand mitten auf dem Platz eine riesige Steintafel, neben der sich mehrere fast realistische Schatten der Tafel befanden, die einen schwarzen Brunnen genau in der Mitte des Platzes umhüllten.
Es war ein uralter Brunnen mit einem Durchmesser von kaum drei Metern. Tiefschwarzer Nebel umhüllte ihn und verlieh ihm eine unergründliche Tiefe, als ob er mit den Toren der Unterwelt verbunden wäre. Je länger man ihn anstarrte, desto unheimlicher und geheimnisvoller wirkte er, als wolle er den Verstand des Betrachters verschlingen.
Im purpurroten Sonnenlicht waren die gewaltige, göttliche Stele und ihre umgebenden Schatten von vorn deutlich zu erkennen. Auf allen Stelen waren Inschriften eingraviert, darunter zwei identische antike Schriftzeichen: „Ewige Unterdrückung“.
Jede Stele enthält mehr als nur die beiden Schriftzeichen „永镇“ (Yongzhen). Die nachfolgenden alten Schriftzeichen unterscheiden sich. Betrachtet man die anderen Stelen, mit Ausnahme der zweiten Stele mit der Inschrift „永镇绝岛“ (Yongzhen Juedao), so zeigen alle anderen nur die beiden Schriftzeichen „永镇“, bevor diese verschwimmen und verschwinden. Im nächsten Augenblick verschwinden diese Schriftzeichen blitzartig, und im nächsten Moment erscheinen auf jeder Stele lebhafte Muster.
Die erste göttliche Stele, die gewaltige, uralte Stele mit der Inschrift „Ewiger Wächter des Gelben Flusses“, weist eine sehr ungewöhnliche Darstellung auf. Hoch am Himmel ziehen dunkle Wolken auf, sintflutartiger Regen ergießt sich herab, und gewaltige Blitze zucken durch die Leere. Auf der Erde stürzen Berge ein, die Oberfläche reißt auf, Magma quillt hervor, und das ganze Land erbebt heftig. Im Ozean brechen Tsunamis unaufhörlich hervor, Wellen brechen an der Küste, und turmhohe Wellen drohen, Himmel und Erde zu verschlingen.
Die zweite göttliche Stele, die kolossale, uralte Stele, die „die Öde Insel ewig unterdrückt“, zeigt einen Urdrachen, der brüllend und heulend durch den Himmel kreist. Viele Menschen und Götter kämpfen ebenfalls. Über ihnen erstreckt sich ein endloses Meer aus Blut mit turmhohen Wellen und unzähligen purpurnen Wogen. Ein zehntausend Fuß hoher Berg aus verdorrten Knochen erhebt sich inmitten dieses Blutmeeres, unberührt von den tosenden, brüllenden und brechenden Blutwellen.
Unterhalb des wilden Drachen und der göttlichen Wesen lag eine tote Stadt. Eine eisige Atmosphäre lag in der Luft; die dunklen Tore der Hölle waren halb geöffnet und gaben den Blick auf eine todesähnliche, düstere Welt frei, die eine endlose Aura des Todes ausstrahlte. Am erstaunlichsten war jedoch, dass sich unterhalb dieser toten Stadt ein friedliches Heiligtum befand, mit verstreuten Palästen, glänzenden, göttlichen Bäumen und jadegrünen Kräutern, die überall blühten. Es war jedoch nur teilweise dargestellt, da es sich bereits dem unteren Ende des göttlichen Monuments näherte, sodass es schwierig war, die Umgebung genauer zu betrachten.
Das Muster auf der dritten Stele besteht aus mehreren voneinander unabhängigen Teilbildern: ein Bauer, der mit einem alten Ochsen das Feld pflügt, ein Hirte, der eine Herde Rinder und Pferde über die Weide treibt, ein Fischer, der vom Boot aus sein Netz in den Fluss wirft, und ein Händler, der in seinem Laden seine Waren anpreist. Diese kleinen Bilder stehen zwar für sich allein, doch zusammen ergeben sie ein Bild vom einfachen Leben und regen zum Nachdenken über alle Aspekte des Lebens und die alltägliche Welt an.
Die Muster auf der vierten göttlichen Stele strahlen schwache Lichtblitze aus, wobei prächtige Himmelspaläste auf den Wolken stehen und inmitten des treibenden Nebels viele himmlische Pavillons und Paläste erscheinen und wieder verschwinden.
Das Muster auf der fünften göttlichen Stele. Endlose purpurne Wolken umhüllen Himmel und Erde. Es scheint, als galoppierten Tausende von Pferden und Millionen von Geschöpfen brüllten darin. Die Gravur ist verschwommen, doch sie jagt einem einen Schauer über den Rücken. Obwohl man nicht durch die Wolken hindurchsehen kann, verströmt sie eine majestätische und grenzenlose Aura.
Es scheint eine sechste und siebte göttliche Stele zu geben, aber von den Stelenkörpern sind nur noch Spuren vorhanden, geschweige denn die Gravuren darauf.
Im unheimlichen Licht leuchteten die sichtbaren Steinschnitzereien nicht nur in kräftigen Farben, sondern gaben auch leise, ätherische Klänge von sich. Sie wirkten so realistisch, so lebensecht, dass jede einzelne eine eigene Seele zu besitzen schien. Sie erschienen nicht mehr als bloße Steinschnitzereien, sondern vielmehr als mehrere verschiedene Welten, die von Menschenhand zusammengefügt worden waren.